Wertpapiere & Börsen
Ein Aktienkurs ist keine Eigenschaft einer Firma, sondern das Protokoll des letzten Handschlags. Wer einmal ein Orderbuch von Hand durchgespielt hat, weiß, was „die Aktie steht bei 10,20“ wirklich bedeutet — und was nicht.
Dieses Kapitel legt das Fundament für alles Weitere: was an Börsen gehandelt wird und wie dabei Preise entstehen. Jedes spätere Kapitel — Anleihen, Shorts, Bewertung, die Analysen — steht auf diesen zwei Fragen. Es lohnt sich, sie einmal langsam zu nehmen.
Ein Tausendstel Bäckerei
Angenommen, in Ihrer Straße gibt es eine Bäckerei, die als Aktiengesellschaft organisiert ist: die Brezel AG. Ihr Kapital ist in 1 000 gleiche Stücke zerlegt, und eines davon gehört Ihnen. Was genau besitzen Sie da?
Drei Dinge, alle anteilig. Ein Tausendstel des Unternehmens — der Öfen, der Marke, der Mietverträge, aber auch der Schulden. Ein Tausendstel der ausgeschütteten Gewinne: Beschließt die Brezel AG, 5 000 € ihres Jahresgewinns an die Eigentümer zu verteilen, bekommen Sie 5 € — diese Ausschüttung heißt Dividende. Und ein Tausendstel der Stimmen auf der Hauptversammlung, dem jährlichen Eigentümertreffen, das über Dividende und Aufsichtsrat abstimmt.
Ebenso wichtig ist, was Sie nicht besitzen: ein Versprechen. Niemand hat zugesagt, Ihnen das Stück je zurückzukaufen, und niemand schuldet Ihnen Zinsen. Wenn die Brezel AG keinen Gewinn macht, gibt es keine Dividende; wenn sie pleitegeht, werden erst alle Gläubiger bedient, und Sie bekommen, was übrig bleibt — meist nichts. Genau das unterscheidet den Eigentümer vom Kreditgeber; der Kreditgeber bekommt sein eigenes Kapitel (§ 4, Anleihen).
Jetzt haben Sie das Wort verdient: Eine Aktie ist ein handelbarer Anteil an einem Unternehmen — Miteigentum, in gleiche Stücke zerlegt, ohne Rückzahlungsversprechen.
Bleibt die Frage, die dieses ganze Kapitel trägt: Was ist Ihr Tausendstel wert? Der erste Reflex — „ein Tausendstel des Firmenwerts“ — schiebt das Problem nur eine Ebene weiter, denn wer kennt schon den? Die ehrliche Antwort ist unbequemer: Das Stück ist wert, was jemand dafür zahlt. Womit sich die eigentliche Frage stellt — wie findet man diesen Jemand, und wie einigt man sich auf den Preis?
Das Orderbuch
Angenommen, sechs Ihrer Nachbarn wollen handeln. Drei möchten Brezel-Aktien kaufen, aber jeder hat eine Schmerzgrenze: Anna zahlt für 2 Stück höchstens je 10,00 €, Ben für 3 Stück höchstens 9,80 €, Carla für 5 Stück höchstens 9,50 €. Drei möchten verkaufen, ebenfalls mit Grenze: David gibt 2 Stück ab, aber nicht unter 10,20 €, Emil 4 Stück ab 10,40 €, Frida 5 Stück ab 10,60 €. Alle sechs Aufträge werden in eine Liste eingetragen.
Bevor Sie weiterlesen, eine Schätzfrage: Kommt hier ein Geschäft zustande — und wenn ja, zu welchem Preis?
Beide Seiten sind nach Attraktivität sortiert: oben das höchste Kaufgebot (10,00 €) und die niedrigste Verkaufsforderung (10,20 €) — die beiden grau hinterlegten Zeilen.
Die Auflösung: Es passiert gar nichts. Der zahlungswilligste Käufer bietet 10,00 €, der günstigste Verkäufer will 10,20 € — die beiden verfehlen sich um 20 Cent, und alle anderen liegen noch weiter auseinander. Die Liste ruht und wartet. Diese Liste ist das Orderbuch, und ihre zwei besten Zeilen haben Namen: Das höchste Kaufgebot heißt Geldkurs (englisch Bid), die niedrigste Verkaufsforderung Briefkurs (englisch Ask), und die Lücke dazwischen ist der Spread — hier 0,20 €, also etwa 2 % des Preises.
Nun tritt Gustav auf, und er ist ungeduldig: Er will 2 Stück sofort, zum besten Preis, den es eben gibt. Der beste verfügbare Preis steht im Buch — Davids 10,20 €. Das Geschäft kommt zustande: 2 Stück wechseln zu je 10,20 € den Besitzer, Davids Zeile verschwindet aus dem Buch. (Die formalen Namen dieser Auftragsarten — Limit-Order für die Geduldigen, Market-Order für Gustav — bekommt § 2.)
Und damit ist auch das Alltagswort eingeholt: Der Kurs, den Apps und Nachrichten zeigen — „die Brezel-Aktie steht bei 10,20“ —, ist schlicht der Preis des letzten Geschäfts. Keine amtliche Bewertung, kein Gutachten über die Bäckerei: das Protokoll des letzten Handschlags, weiter nichts.
Ein Kurs ist das Ergebnis des letzten Geschäfts — und es gibt immer zwei aktuelle Preise: Kaufen ist teurer (Briefkurs) als Verkaufen einbringt (Geldkurs). Die Differenz, der Spread, ist bei jedem Hin und Zurück fällig, ganz ohne dass sich der Kurs bewegt.
Das alles setzt allerdings eines voraus: dass überhaupt jemand im Buch steht. Und wenn nicht?
Wenn niemand da ist: der Market Maker
Dienstagabend, 21:40 Uhr. Sie brauchen Geld und wollen Ihre Brezel-Aktie jetzt verkaufen — aber Anna, Ben und Carla sitzen beim Fußball, das Orderbuch ist leer. Ein leeres Buch bedeutet: kein Käufer, kein Preis, kein Geschäft. Was nun?
Für genau diese Lücke gibt es einen Berufsstand: den Market Maker (wörtlich „Markt-Macher“; deutsch auch Kursteller). Er stellt fortlaufend beide Kurse — er kauft Ihnen die Aktie zu 9,90 € ab und verkauft sie jedem Interessenten für 10,30 €. An der Aktie selbst liegt ihm nichts; sein Geschäft ist die Spanne: Kauft er Ihr Stück für 9,90 € und reicht es später für 10,30 € weiter, hat er 0,40 € verdient — nicht fürs Klugsein, sondern fürs Dastehen.
Das klingt nach leicht verdientem Geld, ist es aber nur bei ruhigem Markt. Zwischen Ankauf und Weiterverkauf sitzt der Market Maker auf dem Papier — fällt der Kurs in dieser Zeit, trägt er den Verlust. Je nervöser der Markt und je dünner der Handel, desto mehr Puffer baut er sich ein: Der Spread wird breiter, wenn das Risiko wächst. Diese eine Regel wird uns noch mehrfach begegnen.
Dafür, wie leicht sich ein Papier handeln lässt, gibt es ein Wort: Liquidität — wie schnell und wie günstig man kaufen oder verkaufen kann, ohne den Preis selbst zu bewegen. Ein enger Spread und ein volles Buch heißen „liquide“; der Spread ist damit auch lesbar als der Preis der Sofortigkeit: Gustav und Sie haben beide dafür bezahlt, nicht warten zu müssen.
Buch, Kurse, Spanne — dieses Spiel funktioniert offensichtlich nicht nur für Bäckerei-Anteile. Was lässt sich noch so handeln?
Die Familie der Wertpapiere
Handelbar wie die Brezel-Aktie ist alles, was zwei Bedingungen erfüllt: Es ist ein verbrieftes Recht (der Anspruch existiert als übertragbares Dokument — heute als Eintrag in elektronischen Registern), und es ist standardisiert — jede Brezel-Aktie ist exakt gleich jeder anderen, deshalb muss niemand das einzelne Stück begutachten wie einen Gebrauchtwagen. Solche Papiere heißen Wertpapiere, und die Familie hat im Wesentlichen vier Mitglieder. Zwei kennen Sie im Prinzip schon — den Anteil und den Kredit. Die anderen zwei beantworten ein Problem, das Sie als Brezel-Aktionärin längst haben: Ihr ganzes Erspartes hängt an einer einzigen Bäckerei. Wie streut man das, ohne vierzig Firmen einzeln kaufen zu müssen?
- Aktie Share / Stock
- Der Anteil: Miteigentum am Unternehmen, ohne Rückzahlungsversprechen. Kennen Sie seit § 1.1.
- Anleihe Bond
- Der handelbare Kredit: fester Zins, feste Rückzahlung. Der Gegenspieler der Aktie — Gläubiger statt Eigentümer. Ihr Heimatkapitel ist § 4.
- Fonds Fund
- Der Korb: Ein Fonds sammelt Geld vieler Anleger und kauft davon einen ganzen Korb von Wertpapieren; man besitzt Anteile am Korb statt einzelner Papiere. Klassisch wählt ein Manager den Inhalt aus — und wird dafür aus dem Korb bezahlt.
- ETF Exchange Traded Fund
- Der börsengehandelte Korb: ein Fonds, dessen Anteile selbst wie eine Aktie im Orderbuch gehandelt werden. Die meisten ETFs verzichten auf den Auswähler und bilden stur einen Index nach — eine feste Rechenregel wie den DAX, den Index der 40 größten börsennotierten deutschen Unternehmen. Kein Manager, kaum Gebühren.
Der Korb ist die Antwort auf die Streufrage: Wer einen DAX-ETF-Anteil hält, ist an 40 Unternehmen gleichzeitig beteiligt — der Ausfall eines einzelnen tut, je nach dessen Gewicht im Index, deutlich weniger weh. Dieses Prinzip heißt Streuung (im Jargon: Diversifikation) und ist der Grund, warum ETF-Sparpläne das Standardprodukt der Neobroker sind (§ 2.5).
Es fehlt noch der Ort, an dem Buch und Kursteller in echt stehen.
Die deutschen Börsenplätze
Eine Börse ist nichts anderes als das Orderbuch aus § 1.2 — professionell betrieben, mit Zulassungsregeln, Überwachung und sehr viel Software. In Deutschland ist die wichtigste Xetra: das vollelektronische Orderbuch der Deutschen Börse in Frankfurt, geöffnet von 9:00 bis 17:30 Uhr. Hier handeln die großen Adressen miteinander, hier entstehen die Kurse, die abends in den Nachrichten stehen — Xetra ist der Referenzmarkt.
Daneben existiert eine zweite Sorte Handelsplatz, gebaut nach dem Muster von § 1.3: Börsen, an denen nicht ein volles Buch die Preise macht, sondern ein Market Maker sie stellt — Tradegate (auf Privatanleger spezialisiert), gettex (Börse München, mit der Baader Bank als Kursteller), die LS Exchange (Börse Hamburg, mit Lang & Schwarz) und seit Ende 2024 die EIX (Börse Hannover). Über diese Plätze läuft der allermeiste Neobroker-Handel — warum ausgerechnet dorthin geleitet wird, ist eine Geldfrage und bekommt in § 3 eine eigene Antwort.
Damit der Kursteller dabei nicht fantasieren kann, gilt das Referenzmarktprinzip: Solange Xetra geöffnet ist, müssen sich die anderen Plätze an dessen Preisen orientieren — der Market Maker kann sich dort jederzeit absichern, und sein Spread bleibt eng. Nun die Schätzfrage dieses Abschnitts: Was passiert mit dem Spread um 21:00 Uhr — dreieinhalb Stunden nach Xetra-Schluss?
Die Achse läuft von 7 bis 23 Uhr, jede Rasterlinie ist eine Stunde. Links und rechts des dunkelvioletten Xetra-Balkens liegt die Zeit, in der ein Market Maker seine Kurse ohne Referenzmarkt stellt — morgens vor 9:00 und abends nach 17:30. Handelszeiten Stand Juli 2026.
Die Auflösung steckt in den Balkenrändern: Abends steht der Market Maker allein — kein Referenzkurs, keine Möglichkeit, sich am großen Buch abzusichern, dazu amerikanische Nachrichten, die noch hereinkommen. Das Risiko trägt er, also gilt die Regel aus § 1.3: Der Spread weitet sich. Handeln kann man am Abend problemlos — man bezahlt es nur über eine breitere Spanne als um 15 Uhr.
„Die Börse“ meint im Alltag mal das Gebäude in Frankfurt, mal Xetra, mal den Aktienmarkt insgesamt. Präzise ist: ein regulierter Handelsplatz, an dem Orderbuch oder Market Maker Preise erzeugen — und davon gibt es in Deutschland ein halbes Dutzend nebeneinander.
Wohin die Order geht
Sie können jetzt lesen, was ein Kurs ist (der letzte Handschlag), warum es immer zwei Preise gibt (Geld und Brief), wovon die Spanne abhängt (Risiko und Liquidität) und wo gehandelt wird (Xetra und die Market-Maker-Plätze). Was noch fehlt, ist der Weg dazwischen: Zwischen dem „Kaufen“-Knopf in der App und Davids Zeile im Orderbuch liegt eine ganze Kette — Prüfungen, Weiterleitungen, Verrechnung, Verwahrung. Sie entscheidet nebenbei eine Frage, die wichtiger ist, als sie klingt: Wem gehört die Aktie eigentlich, wenn der Broker morgen pleite ist? Das nächste Kapitel folgt dem Weg einer Order, Station für Station.