Derivate
Ein Derivat ist eine Wette auf ein Papier, verpackt als eigenes Produkt — mit eingebautem Hebel, eingebauten Verfallsschwellen und eingebauten Kosten. Die Verpackung ist legal, reguliert und meistens teurer, als sie aussieht.
Alles bisher Gehandelte war das Papier selbst — Aktie, Anleihe, notfalls geliehen. Dieses Kapitel behandelt die zweite Etage: Verträge über Papiere. Sie stammen aus einem ehrwürdigen, vernünftigen Bedürfnis — und enden in der Neobroker-App als eines der margenstärksten Produktregale (die Erlösquellen aus § 3 lassen grüßen). Beide Enden der Geschichte sollte man kennen.
Das Termingeschäft: Preis heute, Ware später
Zurück in die Nachbarschaft: Die Brezel AG braucht Mehl, der Müller fürchtet fallende, die Bäckerei steigende Preise. Also einigen sich beide im Frühjahr per Handschlag: Zur Ernte liefert der Müller 100 Sack Mehl zu je 20 € — egal, was Mehl dann am Markt kostet. Steht der Marktpreis zur Ernte bei 25 €, hat die Bäckerei 500 € gespart und der Müller entsprechend verzichtet; bei 15 € ist es umgekehrt. Beide haben getauscht, was sie am wenigsten wollten: Ungewissheit.
Dieses Tauschen von Ungewissheit gegen Planbarkeit hat einen Namen, den man sich merken sollte, weil er das Gegenteil von Zocken ist: Hedging — Absicherung. Es ist dasselbe Manöver, das in § 9.3 Hedge hieß: Dort legte das zweite Bein das ungewollte Zinsrisiko still, hier legt der Handschlag das Preisrisiko still. Der Handschlag selbst ist ein Termingeschäft — Preis heute, Erfüllung später; der Sofortkauf aus § 1 heißt im Kontrast Kassageschäft.
Zwei Namen fehlen noch, dann ist das Fundament gelegt. Macht man den Handschlag standardisiert und börsenhandelbar — 100 Sack, feste Qualität, feste Termine —, heißt er Future. Und weil sein Wert nicht aus sich selbst kommt, sondern am Mehlpreis hängt (dem Basiswert), nennt man solche Verträge Derivate: abgeleitete Papiere. Alles Weitere in diesem Kapitel sind Variationen dieses einen Bauplans. Eine Eigenschaft fällt dabei auf: Dieser Handschlag bindet beide Seiten, ob der Preis nun steigt oder fällt. Was aber, wenn man Schutz möchte, ohne sich zu binden?
Die Option: Versicherung mit Prämie
Der Future verpflichtet beide Seiten. Die nächste Erfindung macht daraus eine Einbahnstraße — und die kennen Sie aus dem Alltag: eine Versicherung. Sie zahlen heute eine feste Prämie; wenn der Schadensfall eintritt, bekommen Sie Geld, wenn nicht, war die Prämie weg. Genau so funktioniert die Option: das Recht — nicht die Pflicht —, den Basiswert später zu einem heute fixierten Preis (dem Strike) zu kaufen oder zu verkaufen.
Durchgerechnet an der Brezel-Aktie (Kurs 10,20 €): Sie kaufen für 0,50 € Prämie einen Put — das Verkaufsrecht zum Strike 10,00 €, gültig ein Jahr. Fällt die Aktie auf 8,00 €, ist Ihr Recht 2,00 € wert (verkaufen zu 10,00, eindecken zu 8,00): abzüglich Prämie 1,50 € Gewinn. Bleibt die Aktie über 10,00 €, verfällt das Recht — Verlust: exakt die 0,50 € Prämie, nie mehr.
Das Kaufrecht heißt entsprechend Call, und die Rechnung spiegelt sich: Für 0,50 € Prämie kaufen Sie das Kaufrecht zum Strike 10,50 €, gültig ein Jahr. Steigt die Aktie auf 12,00 €, ist Ihr Recht 1,50 € wert (kaufen zu 10,50, sofort verkaufbar zu 12,00): abzüglich Prämie 1,00 € Gewinn. Bleibt die Aktie unter 10,50 €, verfällt auch dieses Recht — und wieder ist der Verlust exakt die Prämie. Merkhilfe: Der Put ist die Kasko-Versicherung fürs Depot, der Call ein Reservierungsschein auf steigende Kurse.
So weit, so vernünftig — Optionen können genau das Absicherungswerkzeug aus § 10.1 sein. Nur wird das Gros der Retail-Derivate (der Produkte für Privatanleger) nicht zum Absichern gekauft. Gekauft wird das, was die Prämie so klein gegen die mögliche Auszahlung aussehen lässt: der Hebel.
Der Hebel
Im Put-Beispiel steckt er schon: 0,50 € Einsatz kontrollierten die Bewegung einer 10,20-€-Aktie. Dasselbe Prinzip, industriell verpackt, füllt die deutschen Neobroker-Regale: Knock-out-Zertifikate und CFDs (Contracts for Difference, Differenzkontrakte) — Konstruktionen, bei denen ein kleiner Einsatz die volle Kursbewegung des Basiswerts mitmacht. Die Schätzfrage vor der Abbildung: Eines dieser Zertifikate auf die Brezel-Aktie kostet 1,02 € — ein Zehntel des Aktienkurses — und macht jede Kursbewegung der Aktie in Euro und Cent eins zu eins mit. Die Aktie steigt um 10 % — was macht das Zertifikat? Und was, wenn sie um 10 % fällt?
Beide Positionen kontrollieren dieselbe eine Brezel-Aktie; der Unterschied ist der Einsatz: 10,20 € direkt gegen 1,02 € im Hebelprodukt. Warum aus ±10 % dann ±100 % werden — und was „Knock-out“ bedeutet —, löst der Text unter der Abbildung auf.
Die Auflösung steckt im Einsatz. Zehn Prozent von 10,20 € sind 1,02 € — um so viel bewegt sich die Aktie, und das Zertifikat macht dieselbe Bewegung in Euro mit. Der Unterschied liegt darin, wovon diese 1,02 € ein Teil sind: Für den Aktionär sind sie ein Zehntel seines Einsatzes von 10,20 € — ±10 %. Für den Käufer des Zertifikats sind dieselben 1,02 € der gesamte Einsatz — ±100 %: Steigt die Aktie um 10 %, verdoppelt sich sein Einsatz — aus 1,02 € werden 2,04 €. Der Hebel (englisch Leverage) vergrößert nicht die Wahrscheinlichkeit, recht zu haben — nur die Konsequenzen. Eine Frage lässt die Abbildung dabei offen: Was genau passiert bei −100 % — und warum steht daneben das Wort „Knock-out“?
Gehen wir den Weg nach unten in Schritten. Das Zertifikat macht jeden Euro Kursbewegung eins zu eins mit. Fällt die Aktie von 10,20 auf 9,69 €, hat es 0,51 € verloren — die Hälfte des Einsatzes. Bei 9,18 € ist der gesamte Einsatz von 1,02 € aufgezehrt: Das Zertifikat ist nichts mehr wert. Dieser Kurs heißt Knock-out-Schwelle, und er ist keine willkürliche Produktregel: Er liegt rechnerisch genau dort, wo Ihr Einsatz endet. Was das Kleingedruckte hinzufügt, ist etwas anderes — die Endgültigkeit. Berührt der Kurs die Schwelle auch nur ein einziges Mal, und sei es für Minuten, verfällt das Zertifikat sofort und für immer. Daher der Name aus dem Boxring: Wer k. o. geht, ist aus dem Kampf — auch wenn er wieder aufsteht. Die Aktie darf sich erholen; das Zertifikat nicht. Ein gehebelter Anleger kann also an einer Kursdelle sterben, die der Aktionär nicht einmal bemerkt hätte: Zur Verlust-Asymmetrie aus § 8.4 kommt hier die Unumkehrbarkeit hinzu.
Warum Retail meist verliert
Spielen wir zuerst den Reflex durch, der die Regale füllt. Der Käufer des 1,02-€-Knock-outs aus § 10.3 hat recht: Die Brezel-Zahlen werden gut. Aber in einer gewöhnlichen schwachen Woche rutscht der Kurs zwischendurch auf 9,15 € — die Schwelle ist berührt, das Zertifikat verfällt. Drei Wochen später kommen die guten Zahlen, die Aktie steht bei 11 €: Der Aktionär liegt vorn — der Zertifikat-Käufer, der dieselbe richtige These hatte, hat alles verloren.
Das zweite Produkt aus dem Regal, der CFD, verpackt dieselbe Hebel-Arithmetik nur anders. Ein CFD ist kein Papier, das man kauft, sondern ein direkter Vertrag mit dem Anbieter: Beim Ausstieg wird die Kursdifferenz seit dem Einstieg in bar ausgeglichen — daher der Name Differenzkontrakt —, und die Finanzierungskosten bucht der Anbieter als tägliche Gebühr vom Konto ab. Eine Knock-out-Schwelle gibt es nicht; an ihrer Stelle steht ein Sicherheiten-Konto: Der kleine Einsatz liegt als Pfand (Margin) beim Anbieter, und sind die Verluste größer als das Pfand, stellt der Anbieter die Position automatisch glatt — der Margin Call aus § 8.4, fest ins Produkt eingebaut. Anderer Mechanismus, gleiche Delle, gleiches Ende.
Dass dieser Ausgang — richtige These, Totalverlust — kein Einzelfall ist, muss man nicht raunen — die Anbieter selbst liefern die Statistik, weil die Regulierung sie dazu zwingt (§ 13): Auf jeder CFD-Werbung steht ein Pflicht-Warnhinweis der Form „X % der Kleinanlegerkonten verlieren Geld beim CFD-Handel mit diesem Anbieter“ — und X liegt branchenweit in der Größenordnung von drei Vierteln (Stand Juli 2026, laut den Pflichtangaben der großen Anbieter). Das ist kein Pech, sondern Struktur, und die Bausteine kennen Sie alle schon:
- Der Spread frisst mit (§ 1.2): Auch das Zertifikat hat einen Geld- und einen Briefkurs. Gestellt werden beide vom Emittenten (dem herausgebenden Institut) — er spielt für sein Zertifikat dieselbe Rolle wie der Market Maker aus § 1. Nehmen wir eine Spanne von einem Cent: Beim 1,02-€-Zertifikat ist ein Cent rund ein Prozent des Einsatzes; bei der 10,20-€-Aktie wäre derselbe Cent nicht einmal ein Zehntel Prozent. Der Hebel vergrößert also auch das Gewicht der Handelskosten — und weil gehebelte Produkte selten gehalten, sondern oft gehandelt werden, zahlt der Käufer diese verzehnfachte Spanne wieder und wieder.
- Die Zeit frisst mit: Wer mit 1,02 € Einsatz eine 10,20-€-Aktie „kontrolliert“, bekommt die restlichen 9,18 € nicht geschenkt — der Emittent streckt sie vor und berechnet dafür Zinsen. Abgebucht wird dafür nichts; er erhöht stattdessen Tag für Tag den vorgestreckten Betrag — und mit ihm wandert die Knock-out-Schwelle nach oben. Bei 4 % im Jahr wären das rund 0,37 €: Die Schwelle vom Kauftag, 9,18 €, stünde ein Jahr später bei etwa 9,55 € — über ein Drittel des Einsatzes ist verbraucht, ohne dass sich die Aktie bewegt hat. Die Zeit kostet hier also nicht nur Geld, sie schiebt das Zertifikat auch dem K. o. entgegen. Bei der Option steckt dasselbe in der Prämie: Jeder Tag ohne Bewegung ist ein Tag abgelaufene Versicherung. Beides kennen Sie aus § 8.3 — negativer Carry, der Wettlauf gegen die Uhr, hier im Kleinformat.
- Der Hebel frisst zuerst: Ein Kurs, der übers Jahr steigt, macht auf dem Weg fast immer Dellen von ein paar Prozent — normales Kursrauschen, das der Aktionär aussitzt, oft ohne es zu bemerken. Für den zehnfach Gehebelten ist jede dieser Dellen existenzbedrohend: Genau so ist der Käufer aus dem Eingangsbeispiel bei 9,15 € ausgeknockt worden, lange bevor seine These sich beweisen durfte. Das ist der Margin-Call-Mechanismus aus § 8.4 — nur dass niemand mehr anruft: Die Schwelle vollstreckt automatisch.
Die nüchterne Zusammenfassung: Derivate sind Werkzeuge — zum Absichern erfunden, zum präzisen Wetten geeignet, zum schnellen Reichwerden verkauft. Am dritten Zweck verdient zuverlässig nur eine Seite, und es ist die mit dem Warnhinweis.
Von Wetten zu Werten
Damit ist das Wett-Arsenal komplett: long, short, Spread, Hebel. Auffällig oft hing dabei alles an einer Frage, die wir seit § 1.1 vor uns herschieben: Ob eine Wette klug ist, hängt daran, ob das Papier zu teuer oder zu billig ist — nur: gemessen woran? Was ist eine Firma eigentlich wert, jenseits des letzten Handschlags? Die hartnäckige These „deutsche Konzerne sind viel zu billig“ wartet schon: § 11, Bewertung & Übernahmen.