Long & Short
§ 3 · Teil I · Das Spielfeld

Wovon Broker leben

Eine Order kostet 25 € — oder null. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt kein Wunder, sondern ein Umbau des Geschäftsmodells: Der Preis ist nicht verschwunden, er ist umgezogen.

Lesezeit ~11 Min Stand Juli 2026 PFOF · Spread · Zinsüberschuss · Wertpapierleihe · Vollbank · BaaS

§ 2 endete mit einer Rechnung, die nicht aufgeht: eine Kette aus Handelsplatz, zentraler Gegenpartei, Zentralverwahrer und Depotführung — bezahlt mit einer Ordergebühr von null. Dieses Kapitel löst das Rätsel auf. Es lohnt sich doppelt: Man versteht danach die eigenen Kontoauszüge besser, und man hat das erste Mal ein volles Geschäftsmodell zerlegt — eine Übung, die in den Analysen ständig wiederkehrt.

§ 3.1Das Rätsel

Das Rätsel der Null

Zur Erinnerung, wie es vor den Neobrokern aussah: Eine Order bei einer Filialbank kostete gern 25 € oder ein Prozent des Volumens, dazu jährliche Depotgebühren. Heute kostet dieselbe Order 0 € bis 1 €, das Depot nichts. Die naive Erklärung — „die verbrennen eben Investorengeld und hoffen“ — trug vielleicht in den Gründungsjahren; inzwischen weisen die großen Anbieter Gewinne aus (Geschäftsjahre 2023/24). Die Kette aus § 2 wird also bezahlt, nur nicht über die Ordergebühr.

Der Schlüssel ist ein Satz, der über diesem ganzen Kapitel stehen könnte: Wenn der Preis null ist, ist der Preis woanders. Die Aufgabe ist, das Woanders zu finden. Die erste und historisch wichtigste Fundstelle kennen Sie im Prinzip schon aus § 1.3 — man muss die Logik des Market Makers nur einen Schritt weiterdenken.

§ 3.2Die Rückvergütung

PFOF: die Gebühr, die im Kurs wohnt

Der Market Maker verdient an der Spanne — an jedem einzelnen Geschäft, das über ihn läuft. Daraus folgt unmittelbar: Orderstrom ist für ihn Rohstoff. Je mehr Orders bei ihm ausgeführt werden, desto öfter kassiert er den Spread. Und wer kontrolliert, wohin die Orders fließen? Der Broker, beim Routing (§ 2.2).

Bevor Sie weiterlesen, die Schätzfrage: Wenn der Market Maker dem Broker für zugeleitete Orders eine Rückvergütung zahlt und der Broker dafür die Ordergebühr auf null senkt — wer bezahlt dann am Ende die Rückvergütung?

Abb. — Payment for Order Flow
Drei Parteien, ein Geldkreislauf — und die Gebühr steckt im Kurs
KUNDE Die App Order: 2 Stück, Market Ordergebühr: 0 € BROKER Routing wählt den Handelsplatz kassiert die Rückvergütung MARKET MAKER Ausführung stellt Geld- und Briefkurs verdient den Spread Order Orderstrom Rückvergütung (PFOF) die Spanne zahlt der Kunde — unsichtbar, im Kurs

Drei Pfeile, ein Kreislauf: Die Order wandert nach rechts, die goldene Rückvergütung fließt vom Market Maker zurück an den Broker — und die gestrichelte rote Linie zeigt, wo das Geld herkommt.

Die Auflösung: derjenige, der als Einziger in diesem Kreislauf nichts in Rechnung stellen kann — der Kunde, über den Spread. Dieses Modell heißt Payment for Order Flow (PFOF), „Bezahlung für Orderstrom“, und es hat die Null-Euro-Order überhaupt erst möglich gemacht: Die sichtbare Gebühr wanderte in die unsichtbare Spanne.

Man kann das für effizient halten — für kleine Orders war der Gesamtpreis oft tatsächlich besser als an der klassischen Börse mit 25 € Grundgebühr. Der strukturelle Haken sitzt im Routing: Ein Broker, den der Market Maker bezahlt, hat einen eingebauten Anreiz, Orders nach Rückvergütung zu lenken statt nach bestem Kurs — genau der Konflikt, den die Best-Execution-Pflicht bändigen soll. Der EU-Gesetzgeber hat sich am Ende gegen das Modell entschieden: MiFIR Art. 39a verbietet PFOF EU-weit; seit dem 30. Juni 2026 — Deutschland reizte als einziges Land die Übergangsfrist aus — ist Schluss. Womit sich die nächste Frage von selbst stellt: Wovon leben die Broker jetzt?

§ 3.3Der Umbau

Nach dem Verbot: die eigene Börse

Die Antwort ist von entwaffnender Logik. Verboten ist, sich die Spanne vom fremden Market Maker vergüten zu lassen. Nicht verboten ist, die Spanne selbst zu verdienen. Also bauen die großen Anbieter den Handelsplatz ins eigene Haus: Scalable Capital betreibt seit Ende 2024 zusammen mit der Börse Hannover die EIX und tritt dort selbst als Market Maker auf; Trade Republic hat Anfang 2026 die Lizenz für ein eigenes Handelssystem (ein MTF, Multilateral Trading Facility) erhalten. Im Jargon heißt dieser Umbau Internalisierung: Die Wertschöpfung, die vorher beim Partner lag, wird ins eigene Haus geholt.

Für die Kundin ändert sich an der Oberfläche fast nichts — die Order kostet weiterhin null, ausgeführt wird weiterhin sekundenschnell. Geändert hat sich der Empfänger der Spanne. Der Merksatz aus § 3.1 gilt unverändert; nur die Adresse des „Woanders“ ist neu.

§ 3.4Die Säulen

Die stillen Säulen

Der Spread ist nur die sichtbarste Säule. Die übrigen tragen zusammen mindestens so viel — und die größte von ihnen hat mit Handel gar nichts zu tun.

Zinsüberschuss Net Interest Income
Auf den Verrechnungskonten (§ 2.2) liegt das unverzinste oder niedrig verzinste Geld der Kundschaft — in Summe Milliarden. Der Broker parkt es besichert bei der Zentralbank oder am Geldmarkt und behält von den Zinsen eine Marge. Die Größenordnung macht ein Beispiel greifbar: 5 Mrd. € Kundengeld × 1 Prozentpunkt einbehaltene Marge = 50 Mio. € im Jahr — ohne dass irgendjemand eine einzige Order aufgibt. Seit der Zinswende 2022/23 ist das bei vielen Anbietern die tragende Säule.
Wertpapierleihe Securities Lending
Der Broker verleiht Depotbestände gegen Gebühr an institutionelle Adressen. Wirtschaftlich bleiben die Papiere Ihre; die Leihgebühr teilen sich Broker und ggf. Kunde. Wer die Papiere leiht und wozu er sie dringend braucht, ist eine der besten Pointen dieser Site — sie wartet in § 8.
Abos & Flatrates
Premium-Modelle: monatlicher Festpreis gegen Trading-Flat, bessere Zinsen, Zusatzfunktionen. Planbarer Umsatz, unabhängig von der Marktlaune.
Aufgeschlagene Spreads: FX & Krypto
Bei Fremdwährungs- und vor allem Kryptogeschäften wird der Spread explizit aufgeschlagen — teils in der Größenordnung von einem Prozent pro Geschäft: Ein Krypto-Kauf über 1 000 € kostet dann rund 10 €, Kauf und späterer Verkauf zusammen rund 20 €. Hier ist die Gebühr nicht versteckt, sondern nur unbenannt.
Karten & Interchange
Wer Girokonto und Karte anbietet, verdient an jedem Kartenzahlvorgang die Händlergebühr mit — der Weg vom Broker zur Universalbank.
§ 3.5Das Fundament

Vollbank oder Lizenzdach

Unter dem Geschäftsmodell liegt noch eine Bauentscheidung, die man von außen kaum sieht, die aber bestimmt, wer hier eigentlich Ihre Bank ist. Variante eins: Der Broker besitzt eigene Lizenzen — Trade Republic ist seit 2023 Vollbank (plus, seit 2026, Betreiber des eigenen Handelssystems), Scalable Capital seit 2025 ebenfalls Vollbank. Konto, Depot und Regulierungspflichten liegen dann im eigenen Haus.

Variante zwei: Der Anbieter schlüpft unter ein Lizenzdach (Banking as a Service, kurz BaaS). Die App gehört dem Start-up, aber Konto und Depot führt eine Partnerbank im Hintergrund — in Deutschland ist die Baader Bank das dominierende Dach (justTRADE, finanzen.net zero, Traders Place und andere laufen darüber). Für den Alltag ist das gleichgültig; relevant wird es an zwei Stellen: Wessen Bilanz Ihr Verrechnungsgeld hält, entscheidet, wessen Einlagensicherung greift (§ 13) — und wessen Zinsüberschuss Ihr Erspartes speist (§ 3.4).

§ 3.6Brücke

Der größte Zinsverdiener

Damit ist Teil I komplett: Sie kennen das Spielfeld (§ 1), den Weg jeder Order (§ 2) und die Geldflüsse dahinter (§ 3). Auffällig oft lief dieses Kapitel dabei auf denselben Punkt zu: Die tragende Säule ist der Zins — auf sicher geparktes Geld. Das wirft die Fragen auf, die den ganzen Teil II beschäftigen: Was ist ein Zins eigentlich, wenn man ihn handeln kann? Warum fällt der Kurs eines Kredits, wenn die Zinsen steigen? Und wer ist der größte Schuldner von allen? Die Antworten beginnen beim handelbaren Kredit selbst: § 4, Anleihen & Renditen.