Anleihen & Renditen
Eine Anleihe ist ein Kredit, den man weiterverkaufen kann. Daraus folgt die eine, kontraintuitive Tatsache, auf der jede Fiskalkrisen-Schlagzeile steht: Kurse und Renditen bewegen sich zwingend gegenläufig.
Teil II wechselt die Perspektive: vom Eigentümer (der Aktie aus § 1) zum Gläubiger. Dieses Kapitel baut das wichtigste Werkzeug der ganzen Site — die Kurs-Rendite-Inversion. Wer sie einmal durchgerechnet hat, liest Sätze wie „die Renditen steigen“ oder „jemand hat beim Fall deutscher Staatsanleihen kassiert“ nie wieder ratlos.
Der handelbare Kredit
Neue Hauptfigur, gleiches Viertel: Frau K., Stammkundin der Brezel AG, verleiht 100 € — nicht an die Bäckerei, sondern an einen Staat. Der verspricht ihr zwei Dinge, schriftlich: 2 € Zins pro Jahr, zehn Jahre lang, und am Ende die 100 € zurück. So weit ist das ein gewöhnlicher Kredit.
Das Besondere ist dasselbe wie bei der Brezel-Aktie: Das Versprechen ist verbrieft und standardisiert (§ 1.4) — Frau K. kann es jederzeit weiterverkaufen, im selben Orderbuch-Spiel wie in § 1.2. Ein Kredit, den man handeln kann, heißt Anleihe (englisch Bond), und seine Bausteine haben feste Namen:
- Nennwert Face Value / Principal
- Der Betrag, der am Ende zurückgezahlt wird — Frau K.s 100 €. Die Bezugsgröße für alles Weitere.
- Kupon Coupon
- Der feste, vertraglich fixierte Zins auf den Nennwert: 2 % = 2 € pro Jahr. Der Kupon ändert sich nie — egal, was am Markt passiert.
- Fälligkeit Maturity
- Der Rückzahlungstermin. Staatsanleihen laufen typischerweise 2, 5, 10 oder 30 Jahre.
- Kurs
- Der Preis, zu dem die Anleihe heute den Besitzer wechselt — notiert in Prozent des Nennwerts, kann über oder unter 100 liegen. Genau hier spielt die Musik.
Und damit ist der Unterschied zur Aktie scharf: Die Aktionärin besitzt einen Anteil ohne jedes Versprechen; Frau K. besitzt nur Versprechen — feste Zahlungen, fester Endtermin. Weil alle Zahlungen fixiert sind, gibt es an einer Anleihe genau eine einzige bewegliche Größe: den Kurs. Alles, was der Markt über Zinsen, Inflation oder die Zahlungsfähigkeit des Schuldners denkt, muss sich in dieser einen Zahl ausdrücken. Wie, das zeigt der Rest des Kapitels.
Rendite ≠ Kupon
Angenommen, Frau K.s Nachbar kauft ihr die Anleihe ab — aber nicht für 100 €, sondern für 90 € (warum der Kurs dort stehen könnte, klärt § 4.3). Was verdient er nun? Rechnen wir es nach: Er kassiert dieselben 2 € Kupon pro Jahr — aber auf 90 € Einsatz sind das schon 2,22 %. Und am Ende der Laufzeit bekommt er 100 € zurück für etwas, das ihn 90 € gekostet hat: 10 € Kursgewinn obendrauf. Sein effektiver Jahresertrag liegt also deutlich über den 2 % — obwohl am Papier selbst sich nichts geändert hat.
Diese effektive Verzinsung — Kupon plus Kursgewinn oder -verlust bis zur Fälligkeit, bezogen auf den heutigen Kaufpreis — heißt Rendite (englisch Yield). Der Kupon ist das Versprechen im Vertrag; die Rendite ist die Antwort auf die Frage: Was bringt mir das Papier, wenn ich zum heutigen Kurs einsteige und bis zum Ende halte?
Wenn es heißt, „die 10-jährige Bundesanleihe steht bei 2,7 %“, ist immer die Rendite gemeint, nie der Kupon. Der Kupon einer konkreten Anleihe kann 0 % betragen (eine Emission aus der Nullzins-Ära — den Jahren von Mitte der 2010er bis 2022, als die Leitzinsen bei oder unter null lagen und selbst zehnjährige Bundesanleihen zeitweise negativ rentierten) — trotzdem rentiert sie heute mit — sagen wir — 2,7 %, weil ihr Kurs entsprechend unter 100 liegt. Finanznachrichten reden praktisch ausschließlich über Renditen. Benannt werden Anleihen dagegen nach ihrem Kupon: „die 2-%-Anleihe von 2036“ heißt so, weil sie 2 % Kupon zahlt — egal, wo ihre Rendite gerade steht.
Wie Renditen entstehen — und warum sie sich bewegen
„Die Renditen steigen“ klingt, als drehte irgendwo jemand an einem Regler. Tatsächlich stellt niemand Renditen ein. Sie entstehen genau so wie der Brezel-Kurs in § 1.2: aus Angebot und Nachfrage im Orderbuch. Wollen mehr Halter verkaufen, als Käufer zum alten Preis zugreifen, fällt der Kurs — und mit dem niedrigeren Einstiegspreis steigt automatisch die effektive Verzinsung für jeden, der jetzt kauft. Das und nichts anderes heißt „die Renditen steigen“: keine Anordnung, sondern das Protokoll vieler einzelner Verkaufsentscheidungen.
Bleibt die Frage, warum Anleger auf einmal mehr verlangen. Im Kern aus drei Gründen, die alle noch ihre eigenen Kapitel bekommen:
- Der Leitzins. Hebt die Zentralbank ihren Zins an, werfen schon kurzfristige, praktisch risikolose Anlagen mehr ab — niemand akzeptiert dann für zehn Jahre Bindung noch die alte, niedrigere Rendite. Das ganze Niveau zieht nach. (§ 7, Euro & EZB.)
- Inflationserwartungen. Kupon und Rückzahlung sind in Euro fixiert. Erwartet der Markt mehr Inflation, sind diese festen Beträge real weniger wert — Käufer verlangen als Ausgleich mehr Rendite.
- Zweifel am Schuldner. Wächst die Sorge, dass nicht vollständig zurückgezahlt wird — oder muss der Schuldner schlicht sehr viel mehr neue Schulden unterbringen —, verlangen Käufer eine Risikoprämie obendrauf. (§ 5.)
Halten wir fest: Renditen sind Preise. Und damit sind wir bei der Frage, die dieses Kapitel trägt. Frau K. hält ihre Anleihe mit 2 % Kupon — und das Renditeniveau für neue, vergleichbare Papiere steigt auf 4 %. Bevor Sie weiterlesen: Was schätzen Sie — was passiert mit dem Kurs ihrer alten Anleihe, und ungefähr wie stark?
Die Inversion: ein Satz, zwei Richtungen
Frau K.s Anleihe: 10 Jahre Restlaufzeit, Kupon 2 %, Nennwert 100 €. Der Kupon ändert sich nie — aber wer heute kauft, will die aktuelle Marktrendite verdienen. Also bewegt sich der Kurs, bis die 2 € Kupon plus der Kursgewinn (oder -verlust) bis zur Rückzahlung einem Neukäufer effektiv die Marktrendite bringen. „Renditen steigen“ und „Kurse fallen“ sind derselbe Satz.
Die Auflösung: Der Kurs fällt — auf rund 83,80 €, ein Minus von etwa 16 %. Der Mechanismus dahinter ist reine Orderbuch-Logik: Niemand zahlt 100 € für ein Papier, das 2 % bringt, wenn neue Papiere desselben Schuldners 4 % zahlen. Also findet Frau K.s Anleihe erst wieder Käufer, wenn ihr Preis so weit gefallen ist, dass 2 € Kupon plus der Kursgewinn von 83,80 auf 100 € einem Neukäufer effektiv 4 % pro Jahr bringen. Der Kupon hat sich keinen Millimeter bewegt; der Preis hat die ganze Anpassung geleistet. Und die Abbildung zeigt auch die Gegenrichtung: Fällt die Marktrendite auf 1 %, steigt der Kurs auf rund 109,50 €.
Das ist die Kurs-Rendite-Inversion: Steigen die Marktrenditen, fallen die Kurse existierender Anleihen — zwingend, nicht als Tendenz. Es sind zwei Blickwinkel auf dieselbe Zahl: Der Kurs ist der Preis des Zahlungsstroms, die Rendite ist derselbe Preis, ausgedrückt als Verzinsung.
Der Überschlag zu 83,80 €, Schritt für Schritt — jede Zeile öffnet die Rechnung im Google-Rechner:
Dass der Überschlag etwas über 4 % landet, liegt daran, dass die exakte Rechnung jede Zahlung einzeln abzinst. Die Gegenprobe läuft rückwärts: Zinst man alle zehn Kupons und die Rückzahlung mit 4 % ab, kommt der Kurs heraus —
— in der Abbildung kaufmännisch auf 83,80 € gerundet. Wem der Überschlag reicht: einfach weiterlesen, die Links laufen nicht weg.
„Die Renditen steigen“ und „die Anleihekurse fallen“ sind derselbe Satz. Wer in einem Podcast hört, jemand habe „beim Fall deutscher Staatsanleihen kassiert“, hört wörtlich: Die Renditen deutscher Staatsanleihen („Bunds“ — § 5) sind gestiegen — Kredit wurde für den deutschen Staat teurer.
Was das für Halter heißt — und was nicht
Hat Frau K. jetzt 16 % verloren? Die Antwort ist feiner, und sie lohnt sich. An ihrem Papier hängen nämlich zwei verschiedene Renditezahlen: die Einstandsrendite, die sie sich beim Kauf zu 100 € gesichert hat (2 %), und die aktuelle Marktrendite (4 %), die ein Neukäufer heute bekäme. Ihr eigener Zahlungsstrom — 2 € pro Jahr, 100 € am Ende — ist völlig unberührt. Gefallen ist nur der Preis, zu dem andere diesen Strom kaufen würden. Hält sie bis zur Fälligkeit, bekommt sie exakt, was sie gekauft hat; verloren hat sie keine Zahlung, sondern eine Gelegenheit — sie sitzt in 2 %, während der Markt 4 % zahlt. Erst wer vorher verkauft, macht aus dem Buchverlust einen echten.
Zwei Beobachtungen aus dem Zahlenbeispiel sollte man behalten:
- „Sicher“ heißt: die Rückzahlung — nicht der Kurs dazwischen. Minus 16 % bei einem Papier, das als grundsolide gilt, ist keine Anomalie, sondern Arithmetik.
- Die Laufzeit hebelt. Je länger die Restlaufzeit, desto mehr künftige Zahlungen müssen sich dem neuen Zinsniveau anpassen — desto stärker reagiert der Kurs. Das Maß dafür heißt Duration: Ein 30-jähriges Papier schwankt entsprechend heftiger als ein 2-jähriges. Wer irgendwo „lange Duration“ liest, übersetze: große Zinsempfindlichkeit.
Bleibt die Figur, die das ganze Kapitel über im Schatten stand: Wer ist dieser Schuldner eigentlich — und was macht das Steigen der Renditen mit ihm?
Der größte Schuldner
Frau K.s Vertragspartner blieb in diesem Kapitel bewusst blass — „ein Staat“. Zeit, ihn scharf zu stellen, denn Staaten sind die größten Schuldner überhaupt, und um ihre Anleihen dreht sich jede Fiskaldebatte. Wie kommen Staatsanleihen in die Welt (per Auktion — und was heißt es, wenn eine „scheitert“)? Warum trifft steigendes Renditeniveau einen Finanzminister erst mit Jahren Verspätung? Und wieso fließt Geld ausgerechnet in bestimmte Staatsanleihen, wenn es kracht? Weiter zu § 5, Staatsanleihen & Auktionen.