Long & Short
Auf steigende Kurse setzt jeder von allein. Die Wette auf fallende Kurse muss man konstruieren — aus geliehenen Papieren, laufenden Kosten und einem Risiko ohne Boden. Das Namensgeber-Kapitel dieser Site.
Teil III wechselt vom Verstehen zum Wetten — und beginnt mit den zwei Wörtern im Titel dieser Site. Eines davon kennen Sie längst, ohne es zu wissen. Das andere ist der Kern jeder „Shorte Staatsanleihen!“-Empfehlung, und es hat drei Eigenschaften, die Podcasts fast immer verschweigen.
Long: der Normalfall hat auch einen Namen
Alles, was in diesem Primer bisher gekauft wurde — die Brezel-Aktie in § 1, Frau K.s Anleihe in § 4 —, folgt demselben Muster: Man besitzt das Papier, man profitiert, wenn es steigt, man verliert, wenn es fällt. Im Jargon ist man long („lang“ hilft als Übersetzung nicht weiter; merken Sie es sich als Fachwort für: besitzen und auf Steigen setzen).
Dass der Normalfall einen eigenen Namen trägt, verrät schon, dass es den Gegenfall geben muss. Und der ist keineswegs selbstverständlich: Wie bitte verdient man an einem fallenden Kurs — an etwas, das man dafür ja erst einmal verkaufen müsste, ohne es zu besitzen?
Die Short-Mechanik: verkaufen, was einem nicht gehört
Die Lösung ist ein Dreisatz aus Leihen, Verkaufen und Zurückkaufen. Angenommen, Sie sind überzeugt, die Brezel-Aktie (Kurs: 10,20 €) sei viel zu teuer. Sie leihen sich ein Stück — und hier löst sich das Versprechen aus § 3.4 ein: Verliehen werden die Aktien argloser Depotkunden, gegen Gebühr, über die Wertpapierleihe ihrer Broker. Das geliehene Stück verkaufen Sie sofort zum heutigen Kurs. Dann warten Sie. Fällt der Kurs tatsächlich, kaufen Sie das Stück billiger zurück, geben es dem Verleiher wieder und behalten die Differenz.
Bevor die Abbildung die Schritte durchzählt, die Schätzfrage: Die Aktie fällt binnen eines Jahres von 10,20 € auf 8,20 € — was verdient der Short, brutto? Und was passiert, wenn sie stattdessen auf 12,20 € steigt?
Die Auflösung: brutto 2,00 € — verkauft zu 10,20 €, zurückgekauft zu 8,20 €. Steigt die Aktie dagegen auf 12,20 €, kostet der Rückkauf 2,00 € mehr, als der Verkauf gebracht hat: derselbe Betrag, anderes Vorzeichen. Diese Wette auf fallende Kurse heißt Short (auch: Leerverkauf — man verkauft „leer“, was man nicht besitzt). Und das Wort „brutto“ im Ergebnis war kein Füllwort: Schritt 3, das Warten, hat einen laufenden Preis.
Carry: was das Warten kostet
Rechnen wir das Warten einmal aus — diesmal am Papier aus der Podcast-Empfehlung, einer Staatsanleihe. Wer eine Anleihe shortet, hat zwei laufende Posten gegen sich. Erstens die Leihgebühr an den Verleiher, sagen wir 0,5 % im Jahr. Zweitens — und das übersieht fast jeder — den Kupon: Die Zinszahlungen, die während der Leihe fällig werden, stehen dem Verleiher zu; der Short muss sie ihm ersetzen (bei geshorteten Aktien gilt dasselbe für Dividenden). Bei Frau K.s 2-%-Anleihe (Nennwert 100 €) kostet die offene Short-Position also 2 € Kupon + 0,50 € Gebühr = 2,50 € pro Jahr — Geld, das verloren ist, selbst wenn die These am Ende stimmt.
Dieses laufende Einkommen oder Ausbluten einer Position heißt Carry (wörtlich: was das Tragen der Position kostet oder abwirft). Die Long-Seite derselben Anleihe hat positiven Carry — sie kassiert die 2 €. Der Short hat negativen Carry: Er blutet täglich. Nun die Rechnung, die jede „Short!“-Empfehlung bestehen muss: Soll der Katalysator — das auslösende Ereignis, auf das die Wette wartet; § 12 macht daraus ein Werkzeug — erst in vier Jahren kommen (sagen wir: ein Krisenjahr „2029“), kostet das Warten 4 × 2,50 € = 10 €. Der Kurs muss also um mehr als 10 % fallen, nur damit die Wette bei null herauskommt.
Die Carry-Rechnung, Zeile für Zeile — jeder Link öffnet die Rechnung im Google-Rechner:
Ein Short ist nie nur eine Meinung über die Richtung — er ist ein Wettlauf gegen die eigenen Haltekosten. These richtig + Timing falsch = Geld weg. Das ist keine Randnotiz, sondern der häufigste Tod dieser Wette.
Die Asymmetrie: Verluste ohne natürliche Grenze
Der zweite verschwiegene Punkt steckt schon im Zahlenbeispiel von § 8.2, man muss ihn nur zu Ende denken. Wie tief kann die Brezel-Aktie fallen? Auf null — tiefer geht nicht. Der Short kann also höchstens 10,20 € pro Stück verdienen. Und wie hoch kann sie steigen? Auf 25 €, wenn die Bäckerei ein Übernahmeziel wird. Auf 50 €. Es gibt keine Obergrenze — und damit keine Grenze für den Verlust des Shorts, der zum jeweiligen Kurs zurückkaufen muss.
Darstellung symbolisch, nicht maßstäblich — „unbegrenzt“ hat keine zeichenbare Balkenlänge (anders als im Kurs-Beispiel von § 4, wo die Balken echte Beträge zeigen). Der Punkt: Wer long ist, kann höchstens auf null fallen. Wer short ist, schuldet ein Papier, das beliebig weit steigen kann — der Verlust hat keine natürliche Grenze. Short zu sein ist damit strukturell gefährlicher als long zu sein.
Wer long ist, kann seinen Einsatz verlieren — schlimm, aber begrenzt. Wer short ist, kann ein Vielfaches seines möglichen Gewinns verlieren. In der Praxis verlangt der Verleiher deshalb laufend Sicherheiten: Steigt der Kurs, muss der Short Geld nachschießen (der berüchtigte Margin Call) — und wer nicht nachschießen kann, wird zwangsweise glattgestellt — die Position wird für ihn geschlossen, zum gerade gültigen Kurs —, oft am Punkt des maximalen Schmerzes. Die Struktur der Wette selbst treibt ihre Opfer zum schlechtesten Zeitpunkt aus der Position.
Der Widow-Maker: recht haben, ruiniert werden
Bleibt die dritte verschwiegene Eigenschaft, die tückischste: Der Short braucht nicht nur eine richtige These, sondern ein rechtzeitiges Rechtbekommen — Carry und Nachschüsse entscheiden, wie lange man es sich leisten kann, recht zu behalten. Wie lange das dauern kann, zeigt ein Trade, der seit Jahrzehnten so zuverlässig Vermögen vernichtet, dass er in der Branche „Widow-Maker“ heißt — der Witwenmacher: der Short auf japanische Staatsanleihen (JGBs, § 5.1). Die These dahinter klang in jedem Jahrzehnt bestechend: Japans Staatsverschuldung ist die höchste der Industriewelt (rund das Zweieinhalbfache der Wirtschaftsleistung, Stand Juli 2026), das kann nicht halten, die Renditen müssen steigen — also, per Inversion aus § 4.4, die Kurse fallen. Generationen von Händlern setzten darauf — und Generationen wurden aufgerieben, denn die Renditen blieben Jahr um Jahr niedrig (unter anderem, weil die eigene Zentralbank kaufte — der Mechanismus aus § 7.2), während Carry und Nachschüsse tickten.
Die Profi-Variante
Nach diesem Kapitel drängt sich eine Frage auf: Wenn der nackte Short so teuer und so gefährlich ist — wie drücken Profis dann ihre Skepsis aus, etwa gegenüber einem Euro-Staat? Die Antwort aus § 5.5 blitzte schon auf: Sie wetten nicht auf eine Richtung, sondern auf einen Abstand — italienische gegen deutsche Renditen. Warum das eleganter, billiger und überlebbarer ist, zeigt § 9, Spreads & Relative Value.