Geschäftsmodell & Erlösquellen
„Kostenloses“ Trading ist ein Diversifikations-Portfolio aus indirekten Erlösquellen — Zinsmarge, Payment for Order Flow, Spreads, Wertpapierleihe, Abos und Interchange. Und es wird gerade radikal umgebaut, weil die EU PFOF ab dem 30. Juni 2026 verbietet.
Kein „kostenloses“ Trading
Der scheinbar gebührenfreie Handel wird über mehrere indirekte Erlösquellen quersubventioniert. Kein einzelner Posten trägt das Modell allein — es ist bewusst ein Portfolio. Die folgende Aufteilung ist illustrativ (real je nach Anbieter, Zinsumfeld und Stichtag verschieden), zeigt aber die Größenordnungen vor dem PFOF-Verbot:
Illustrative Aufteilung · vor dem PFOF-Verbot
„Kostenlos“ bezeichnet nur die sichtbare Ordergebühr. Bezahlt wird über Spread, entgangene Zinsen und Zusatzprodukte — diffus, aber real.
Payment for Order Flow
Der Mechanismus in einem Satz: Der Broker leitet die Order an einen Market Maker, der an der Spanne verdient — und dem Broker für den zugeleiteten Orderflow eine Rückvergütung zahlt; der Kunde zahlt dafür keine oder geringe Gebühren.
Der Interessenkonflikt: Der Kunde zahlt keine sichtbare Gebühr, weiß aber nicht sicher, ob er den bestmöglichen Kurs erhalten hat. Genau deshalb verbietet die EU PFOF ab dem 30. Juni 2026 (MiFIR Art. 39a). Mehr im Geschäftsmodell.
Der strukturelle Interessenkonflikt liegt auf der Hand: Der Broker hat einen Anreiz, dorthin zu routen, wo die Rückvergütung am höchsten ist — nicht zwingend dorthin, wo der Kunde den besten Kurs bekommt. Trade-Republic-Mitgründer Christian Hecker betonte gegenüber der Financial Times, PFOF habe nur etwa ein Drittel der Erträge ausgemacht; im Januar 2026 nannte das Unternehmen einen Anteil von „less than 30% of revenue“.
Net Interest Income (Zinsüberschuss)
Seit dem Zinsanstieg ab 2022/23 ist der Zinsüberschuss eine zentrale Säule. Der Broker hält Kundengeld auf Verrechnungskonten und legt es zur EZB-Einlagefazilität oder in Geldmarktfonds/Anleihen an. Selbst wenn er den Großteil des Zinses an den Kunden weitergibt, bleibt bei Milliardenvolumina eine relevante Marge.
Beträge über einer Schwelle werden in Geldmarktfonds angelegt. Zahlen aus Unternehmensangaben/Geschäftsbericht — siehe Vorbehalte.
Spreads, Leihe, Abos & Co.
- Spreads & Markups
- Auf Market-Maker-Plätzen ist der Spread der eigentliche Preis. Außerhalb der Xetra-Kernzeiten weitet er sich, weil der Market Maker sich nicht absichern kann. Bei Krypto verdienen Broker explizit über einen aufgeschlagenen Spread (z. B. Scalable 0,99 % / 0,69 % bei PRIME+).
- Wertpapierleihe (Securities Lending)
- Der Broker verleiht im Depot gehaltene Papiere (meist an institutionelle Investoren für Leerverkäufe) und verdient Leihgebühren. Der Kunde bleibt wirtschaftlicher Eigentümer.
- Premium-/Abo-Modelle
- Scalable ist das Paradebeispiel: FREE (0,99 €/Trade) vs. PRIME+ (4,99 €/Monat mit Trading-Flat ab 250 € Ordervolumen plus Zinsen). Trade Republic geht eher Richtung Universalbank (Girokonto, Karte, Zinsen).
- Inducements der Produktpartner
- ETF-Anbieter zahlen dafür, als kostenlos handelbar beworben zu werden. Hinzu kommen FX-Gebühren, Karten-Interchange, Krypto, Anleihen und Sparpläne.
Das PFOF-Verbot & der Umbau
Die MiFIR-Reform 2024 (Regulation (EU) 2024/791) verbietet PFOF EU-weit über Artikel 39a. Deutschland war der einzige Mitgliedstaat, der die Übergangsfrist bis zum 30. Juni 2026 in Anspruch nahm. Damit verschwindet eine relevante Erlösquelle — die großen Anbieter haben sich vorbereitet, indem sie den Spread künftig selbst internalisieren:
Eigene Börse EIX
Gemeinsam mit der Börse Hannover (BÖAG) betreibt Scalable die European Investor Exchange und agiert dort selbst als Market Maker — Start mit rund 15.000 Werten. Co-CEO Florian Prucker: Depotführung, Börsenhandel, Clearing, Settlement und Custody „in die eigenen Hände“ nehmen.
MTF-Lizenz
Als Betreiber eines Multilateralen Handelssystems kann Trade Republic den Handel selbst organisieren — zusätzlich zur Vollbanklizenz von 2023.
Das Modell verlagert sich von externer Rückvergütung (PFOF) hin zur Internalisierung des Spreads über eigene Handelsplätze. Wer Venue und Market Making selbst hält, verdient am Spread direkt — legal auch nach dem 30.06.2026.
Anbietervergleich
„Der Neobroker“ ist eine Vereinfachung — die Erlösmixe unterscheiden sich erheblich:
| Anbieter | Schwerpunkt | Lizenz / Besonderheit | Kennzahl |
|---|---|---|---|
| Trade Republic (DE) | NII, PFOF (<30 %), Leihe, Karte | Vollbank (2023), MTF (2026) | >10 Mio. Kunden · ~€150 Mrd. AUM |
| Scalable Capital (DE) | Abo (PRIME+), Per-Trade, Robo, NII, B2B | eigene Börse EIX; Vollbank (2025) | Robo 0,75 % p. a. |
| Robinhood (US) | NII ~35 %, Options/PFOF ~26 %, Krypto ~21 % | PFOF in den USA weiter legal | Umsatz 2024 2,95 Mrd. $ (+58 %) |
| eToro (IL/EU) | ~87 % Spread-Fees, FX, Zinsen | F-1-Prospekt (SEC, 2025) | Commission 931 Mio. $ · Gewinn 192 Mio. $ |
Im Dezember 2025 bewertete eine Secondary-Transaktion (1,2 Mrd. €, angeführt von Founders Fund) Trade Republic mit 12,5 Mrd. €. Robinhood meldete für Q3 2025 eine ARPU-Steigerung um 82 % auf 191 $ — ein Wert, der sich nicht direkt auf deutsche Broker übertragen lässt.
Unit Economics
Fintech hat strukturell hohe Kundengewinnungskosten (CAC) — wegen Regulatorik und scharfem Wettbewerb. Entscheidend ist nicht die nackte Marketing-CAC, sondern die „fully-loaded“ Sicht inklusive KYC/AML, Onboarding-Boni und Kartenkosten.
- CAC (Customer Acquisition Cost)
- Branchen-Benchmarks für Consumer-Fintech nennen grob 166–258 $. „Fully-loaded“ liegt 30–50 % höher, u. a. wegen KYC/AML (~20–30 $/Nutzer).
- LTV / CAC
- Als gesund gilt mindestens 3:1 mit einem Payback unter 12 Monaten.
- ARPU
- Der Umsatz je Nutzer steigt im Neobroker-Modell vor allem durch NII und Cross-Selling (Karte, Sparpläne, Krypto).
Ist ein Anbieter nach dem 30.06.2026 noch stark PFOF-abhängig ohne kommunizierte Nachfolgestrategie (eigene Venue, NII, Abo), ist das ein akutes Geschäftsrisiko mit hoher technischer Dringlichkeit.