Neobroker.verstehen
§ 6 · Systemarchitektur

Technik & Architektur

Die Domäne ist von Auditierbarkeit, Konsistenz und Echtzeit getrieben. Das rückt OMS und FIX, Streaming-Plattformen, Event Sourcing, ein verlässliches Ledger mit Reconciliation und idempotente Order-Verarbeitung ins Zentrum — Regulatorik wird hier zu nicht-funktionalen Anforderungen.

Lesezeit ~13 Min Stand Juni 2026 OMS · FIX · Kafka · Event Sourcing · Ledger · Idempotenz
§ 6.1Überblick

Die Systemlandschaft

Im Kern steht ein Order Management System (OMS), das den gesamten Lebenszyklus abdeckt — Capture → Validate → Route → Execute → Post-Trade. Drumherum gruppieren sich Pre-Trade-Risk-Engine, Trading-Gateway, Market-Data-Feeds, Ledger, Steuer-/Reporting-Module, KYC/AML-Services und — bei Vollbanken — ein Core-Banking-System.

Abb. — Systemlandschaft
Typische Schichten eines Neobroker-Backends
Client Mobile-first
Native iOS / AndroidWeb-AppWebSocket-KursdatenTAN / 2FA
API-Gateway Edge
GraphQLRESTAuth / EntitlementsRate-Limiting
Brokerage-Domäne Services
OMSPre-Trade-RiskLedger / PositionenSteuer & ReportingKYC / AMLCore-Banking
Event-Backbone Streaming
Kafka-TopicsEvent SourcingCQRSReconciliation
Trading-Gateway & externe Partner Anbindung
FIX zu HandelsplätzenDrop-CopyCCP / ClearingCSD / DepotbankMarket-Data-Feeds

Der kritische Pfad (Order → Risk → Ausführung) läuft synchron und idempotent; Marktdaten und Read-Views skalieren separat über das Event-Backbone.

Die Architektur ist meist service- bzw. eventorientiert: Teams besitzen ihre Services und CI/CD, Domain-Driven Design strukturiert die Schnitte. Entscheidend ist die Trennung des kritischen Pfads (Order → Risk → Ausführung) von den skalierbaren Read-Pfaden (Marktdaten, Depotansicht).

§ 6.2Anbindung

Order-Routing & FIX

Zu Börsen und Liquiditätsanbietern ist das FIX-Protokoll (Financial Information eXchange) der De-facto-Standard. Zwei Nachrichtentypen tragen den Kern des Geschäfts:

35=D — New Order Single
Die Order vom Broker an den Handelsplatz: Instrument, Seite, Menge, Typ, Limit.
35=8 — Execution Report
Die Rückmeldung: angenommen, (teil-)ausgeführt, abgelehnt — mit Kurs und Stückzahl.

Zusätzliche Drop-Copy-FIX-Sessions spiegeln Ausführungen an Reporting- und Reconciliation-Systeme. Zum Frontend hin dominieren REST und WebSocket; FIX bleibt der Maschinenraum nach außen. Für einen Retail-Neobroker zählt dabei nicht HFT-Latenz, sondern Zuverlässigkeit, Korrektheit und Auditierbarkeit.

§ 6.3Streaming

Echtzeit-Kursdaten

Kursupdates werden über persistente WebSocket-Verbindungen an die Clients gepusht (statt Polling) — mit Heartbeats, Auto-Reconnect und Kompression. Serverseitig verteilen Redis Pub/Sub oder Kafka-Topics die Updates an die richtigen WebSocket-Server, mit Subscription-Management pro Symbol.

  • Conflation / Throttling — hochfrequente Updates (100+/s) werden auf für mobile Clients sinnvolle Raten verdichtet (z. B. alle 100–500 ms).
  • Binärformate — Protobuf oder MessagePack sparen Bandbreite auf zellularen Verbindungen.
  • Entitlement-Management — stellt sicher, dass Nutzer nur lizenzierte Daten erhalten (Echtzeit vs. verzögert).
§ 6.4Muster

Event-Driven Architecture & Event Sourcing

Event Sourcing speichert nicht den aktuellen Zustand, sondern jede Zustandsänderung als unveränderliches Event in einem Append-only-Log. Der aktuelle Zustand entsteht durch Replay. Im Finanzkontext ist das attraktiv, weil es genau die regulatorischen Anforderungen bedient:

Abb. — Event Sourcing
Append-only-Log statt überschriebenem Zustand
Befehl OrderPlaced APPEND-ONLY EVENT-LOG (unveränderlich) +901,00 € Einzahlung Order #A1 platziert −250,00 € ausgeführt +1,50 St. eingebucht REPLAY → PROJEKTIONEN Kontostand & Position = 651,00 € · 1,50 St. Read-Modell (App) Depotansicht, History Audit-Trail lückenlos, regulatorisch

Der Zustand wird nie überschrieben, sondern durch Replay aller Events rekonstruiert. Das liefert den von der Regulatorik geforderten lückenlosen Audit-Trail — und Debugging per Replay. Preis: Eventual Consistency und Schema-Evolution.

  • Lückenloser Audit-Trail — „der Kunde hatte vor zwei Monaten um 13:30 Uhr exakt 901 €“ lässt sich exakt rekonstruieren.
  • Rückwirkende Regeln — Geschäftsregeln können auf historische Events neu angewandt werden.
  • Debugging per Replay — Root-Cause-Analyse durch erneutes Abspielen.

Oft kombiniert mit CQRS (getrennte Schreib-/Lesemodelle), weil Read- und Write-Last stark divergieren und unabhängig skaliert werden müssen. Der Preis: Eventual Consistency, Schema-Evolution der Events und höhere Komplexität — weshalb erfahrene Architekten das Muster nur dort einsetzen, wo der Nutzen die Komplexität rechtfertigt.

Ehrliche Einordnung

Event Sourcing und ein Double-Entry-Ledger sind begründete Branchenmuster — aber für Trade Republic oder Scalable nicht explizit öffentlich als exakte Implementierung belegt. Beim konkreten Anbieter muss die reale Architektur erfragt werden (siehe Vorbehalte).

§ 6.5Konsistenz

Ledger, Reconciliation, Idempotenz

Das Buchhaltungssystem muss jederzeit Bestand und Cash-Saldo korrekt kennen und gegen die Bestände bei CSD/Depotbank sowie gegen Handelsplatz-Bestätigungen abgleichen — Reconciliation. Branchenüblich (und regulatorisch motiviert) ist eine unveränderliche, ereignisbasierte Buchung.

Konsistenz vor Verfügbarkeit (für Geld)
Im CAP-Trade-off priorisieren Geld- und Positionsbuchungen Konsistenz. Für Marktdaten und Read-Views ist Availability mit Eventual Consistency akzeptabel.
Idempotenz von Orders
Bei Retries oder Netzwerkfehlern darf eine Order nicht doppelt ausgeführt werden. Idempotency-Keys und Deduplizierung sind kritisch auf dem Order-Pfad.
§ 6.6Belastbarkeit

Verfügbarkeit & Failure Modes

Verfügbarkeit ist geschäftskritisch — und der Referenz-Failure-Mode ist bekannt: Bei extremer Volatilität (GameStop, Januar 2021; erneut April 2025) hatten Plattformen Probleme und schränkten Käufe ein. 2021 gingen über 4.000 BaFin-Beschwerden gegen Trade Republic ein.

Lastspitzen als Akzeptanzkriterium

Volatilitätsspitzen sind kein Ausnahmefall, sondern ein Designkriterium: Lasttests für genau diese Szenarien, Pre-Trade-Risk im Sub-Sekunden-Bereich auf dem kritischen Pfad und Kill-Switch-Mechanismen bei Limitverletzungen gehören zur Pflicht — ebenso Reconciliation-, Idempotenz- und (bei Event Sourcing) Replay-Tests.

§ 6.7Belegt

Konkrete Stacks

Aus Engineering-Blogs und Stellenanzeigen lässt sich rekonstruieren, was eingesetzt wird (kein vollständiges Architekturbild):

Belegte Technologie-Stacks
BereichTrade RepublicScalable Capital
BackboneKafka als „central nervous system“ (self-hosted, multi-cluster)event-driven / Microservices (Kafka nicht explizit belegt)
BackendJVM: Kotlin, Spring, Vert.x, Hibernate/jOOQ, Flyway; einzelne Services in Haskell; Go für InfraKotlin/Java mit Spring Boot, GraphQL
Cloud / BetriebAWS mit Kubernetes; GitHub Actions/Buildkite; Backstage, TemporalAWS (ECS, Fargate, Lambda), Multi-Account, Terraform
FrontendAndroid in Kotlin (Coroutines/Flow, Retrofit, REST)„Service in a day“-Templates; DevOps-Kultur

Beide Bilder zeigen denselben roten Faden der Domäne: JVM-zentriert, eventgetrieben, cloud-nativ — mit Streaming als Rückgrat dort, wo Entkopplung und Auditierbarkeit zusammenkommen.