Sturm und DrangDrama17819 Min. Lesezeit
Die Räuber
Zwei Brüder gegen die Welt — und beide haben unrecht
Ein Dreiundzwanzigjähriger, hauptberuflich Militärarzt, schreibt heimlich ein Stück über zwei Brüder, die jeder auf seine Art die bestehende Ordnung in Trümmer legen wollen. Es wird ein Skandal, ein Triumph — und der Anfang einer der größten Laufbahnen der deutschen Literatur. Aber worum geht es in den „Räubern“ eigentlich? Nicht um edle Banditen. Um die Frage, was passiert, wenn man eine kranke Welt mit Gewalt heilen will.
Worum es geht
Stellen Sie sich zwei Söhne desselben Vaters vor. Der eine, Karl, ist großzügig, leidenschaftlich, von einem glühenden Sinn für Größe und Gerechtigkeit erfüllt — und maßlos. Der andere, Franz, ist hässlich, kalt, zurückgesetzt und entschlossen, sich mit jedem Mittel zu nehmen, was ihm die Natur und die Geburtsfolge vorenthalten haben. Beide ersticken an der Welt, in der sie leben. Beide rebellieren. Und beide gehen daran zugrunde.
Das ist meine These: „Die Räuber“ ist nicht das Drama des edlen Aufrührers, als das es oft verkauft wird. Es ist das Drama des Rebellen, der mit seiner Wut auf eine verdorbene Welt vollkommen recht hat — und mit seiner Wahl des Mittels vollkommen unrecht. Schiller lässt uns die Empörung mitfühlen, jede Sekunde. Und dann führt er uns vor, dass man die sittliche Ordnung nicht retten kann, indem man sie selbst zertrümmert. Karl Moor lernt das am Ende seines Weges. Da liegen schon zu viele Tote.
Die Geschichte in Kürze
Der alte Graf Maximilian von Moor hat zwei Söhne. Karl, der Ältere, studiert auswärts und führt ein wildes, aber im Kern edles Leben. Franz, der Jüngere, bleibt daheim und hasst beide: den Bruder, der die Liebe des Vaters und die Aussicht aufs Erbe hat, und den Vater, der ihn nie wirklich sah.
Franz fängt Karls Briefe ab und fälscht die Nachrichten in beide Richtungen. Dem Vater stellt er Karl als verkommenen Verbrecher hin; Karl gaukelt er vor, der Vater habe ihn verflucht und verstoßen. Es wirkt. Karl, der nichts so sehr wollte wie die Vergebung des Vaters, zerbricht an der vermeintlichen Zurückweisung — und schwört in der Schenke an der sächsischen Grenze der bürgerlichen Welt ab. Er stellt sich an die Spitze einer Räuberbande in den böhmischen Wäldern, um, wie er glaubt, die Welt mit dem Schwert gerechter zu machen.
Während Karl im Wald sein blutiges Rächeramt versieht, übernimmt Franz daheim die Herrschaft. Er treibt den Vater mit der Lüge von Karls Tod fast ins Grab, sperrt ihn schließlich heimlich in einen Hungerturm und bedrängt Amalia, Karls Verlobte, die ihn standhaft verschmäht. Karl kehrt verkleidet zurück, erkennt nach und nach das ganze Ausmaß von Franz‘ Verbrechen und findet den totgeglaubten Vater lebend im Turm.
Die Bande stürmt das Schloss. Franz, von Todesangst und Höllenbildern gejagt, erwürgt sich selbst, ehe ihn die Räuber fassen. Karl steht schließlich vor dem geretteten Vater und der wiedergefundenen Amalia — und hier zieht Schiller die Schlinge zu. Karl hat seiner Bande einen Treueschwur geleistet, der ihn auf Leben und Tod bindet; die Räuber bestehen darauf. Zwischen den Eid und die Geliebte gestellt, gibt es kein glückliches Entrinnen. Amalia fleht um den Tod, lieber als ohne ihn zu leben — und Karl ersticht sie. (Ja: Der Held tötet die Frau, die er liebt. Das Stück meint es ernst mit dem Ruin.)
Erst jetzt, mit allem verloren, kommt Karl zur Einsicht. Er begreift, dass sein ganzer Aufstand gegen die Ordnung sie nicht geheilt, sondern nur weiter zerstört hat, und beschließt, sich der Justiz zu stellen. Wie, das ist die letzte, bittere Pointe — dazu unten mehr.
Die Figuren
Karl Moor ist der Idealist, der zum Verbrecher wird. Sein Aufbegehren kommt aus echtem Schmerz: Er liest seinen Plutarch, träumt von den großen Männern der Antike und hält die eigene Zeit für verkommen.
Mir eckelt vor diesem Tintenkleksenden Seculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen.
Das ist kein Bösewicht, der spricht. Das ist ein junger Mensch, der zu groß geraten ist für seine kleine, „tintenkleksende“ Welt — und der genau darin seine Gefahr trägt. Schiller selbst hat ihn in seiner Vorrede einen seltsamen Don Quichotte genannt, „den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern“. Diese Doppelung ist der ganze Reiz der Figur. Karl ist anziehend und furchtbar zugleich.
Franz Moor ist sein dunkles Gegenbild und eine der erschreckendsten Figuren der deutschen Literatur. Wo Karl im Namen der Freiheit rebelliert, rebelliert Franz im Namen des nackten Vorteils. Er glaubt an keine sittliche Ordnung, an keine Bindung von Blut und Natur, nur an Macht:
Das Recht wohnet beim Ueberwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.
Das Gewissen wischt er beiseite wie eine Vogelscheuche:
Gewissen, — o ja, freilich! ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschröcken!
Franz ist der kühle Materialist, der sich seine Moral „nach der neuesten Façon“ zurechtschneidert, je nachdem, was ihm nützt. Und doch ist er kein Übermensch: Am Ende holt ihn die Angst vor Gott und Hölle ein, die er nie zu brauchen vorgab, und treibt ihn in den Selbstmord. Der eiskalte Verstand zerbricht an seiner eigenen Furcht.
Amalia ist die Treue in Person — und Schillers Mittel, den Preis von Karls Weg sichtbar zu machen. Sie liebt Karl unbeirrt, weist Franz ab, und stirbt am Ende durch die Hand dessen, für den sie alles ertrug. Ihr Tod ist nicht Beiwerk, sondern Beweisstück: Wer die Ordnung gewaltsam überschreitet, trifft am Ende auch das, was er am meisten liebt.
Im Hintergrund: der alte Maximilian von Moor, ein schwacher, gutgläubiger Vater, dessen Blindheit die ganze Katastrophe erst möglich macht — die alte Ordnung, zu kraftlos, sich selbst zu verteidigen. Und die Räuberbande um den zynischen Verführer Spiegelberg, den treuen Schweizer und die anderen: kein Heldenchor, sondern Mörder und Brenner, deren Gräuel Schiller nicht beschönigt.
Themen und Deutung
Lange galten „Die Räuber“ als das große Freiheitsdrama, Karl Moor als edler Empörer gegen Tyrannei. Die berühmte Wendung „In Tirannos!“ — „Gegen die Tyrannen!“ — die ein Verleger der zweiten Auflage als Wahlspruch voranstellte, hat dieses Bild geprägt: Schiller als jugendlicher Revolutionär, das Stück als Fanal.
Ich halte diese Lesart für zu schmal, und der Text gibt einen besseren Schlüssel her. Denn das Stück feiert die Rebellion nicht — es seziert sie. Und es tut das, indem es zwei Formen des Aufstands gegeneinanderstellt.
Karl rebelliert gegen das Gesetz im Namen der Größe. Sein berühmtester Satz formuliert das ganze Programm des Sturm und Drang:
Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freyheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.
Das Gesetz als Käfig des Genies, die Freiheit als Brutstätte des Großen: Das ist hinreißend und brandgefährlich zugleich. Denn „Kolosse und Extremitäten“ — das sind eben nicht nur Helden, das sind auch Ungeheuer. Karls Aufstand gegen die kleinliche Ordnung führt geradewegs zu Mord, Brand und einer Bande, die er selbst verachtet.
Franz rebelliert gegen dasselbe Gesetz, aber im Namen des reinen Eigennutzes. Auch er kennt keine Schranke außer der eigenen Kraft. Damit sind die beiden Brüder keine Gegensätze, sondern zwei Hälften einer einzigen Bewegung: der Absage an jede Ordnung, die größer ist als das eigene Wollen. Der Idealist und der Zyniker enden beide im Untergang — und genau das ist die Aussage.
Am klarsten wird das in Karls Schlusserkenntnis. Nachdem alles verloren ist, spricht er den Satz, der das ganze Stück umkehrt:
… daß zwey Menschen, wie ich, den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grunde richten würden.
Hier widerruft der Rebell sich selbst. Wer die Ordnung mit Gewalt bessern will, zerstört genau das, was er retten wollte. Schiller, der Arzt, stellt seinem Stück ein Hippokrates-Wort voran — sinngemäß: Was die Arznei nicht heilt, heilt das Messer; was das Messer nicht heilt, das Feuer. Karl Moor greift zu Messer und Feuer. Er heilt nichts. Er verbrennt alles.
Sprache und Form
„Die Räuber“ sind in Prosa geschrieben, nicht in Versen — und was für eine Prosa. Sie kocht. Schiller, mit Shakespeare im Blut, schreibt Monologe wie Eruptionen: Ausrufe, Flüche, gehäufte Bilder, ein Satz, der den nächsten überrennt. Das ist der echte Ton des Sturm und Drang: nicht das Maß der späteren Weimarer Klassik, sondern Überschwang, Zuspitzung, Lautstärke.
Hören Sie nur, wie Franz sein Weltbild auswalzt, kühl und höhnisch, oder wie Karl in der Schenke gegen sein „Kastraten-Jahrhundert“ wettert — das ist Rhetorik als Waffe. Die Figuren argumentieren sich in ihre Taten hinein. Gerade das macht das Stück bis heute bühnenwirksam: Es ist laut, schnell, körperlich, voller Sätze, die man brüllen kann.
Ein Wort zur Sprache: Der Text steht in alter Orthographie („Freyheit“, „seyn“, „Seculum“) und in einer hochgespannten Diktion, die heute mitunter pathetisch klingt. Man muss sich einhören. Aber sobald man den Rhythmus hat, trägt er.
Wirkung und Nachleben
Die Uraufführung 1782 am Mannheimer Nationaltheater war ein Beben. Schiller — damals herzoglicher Regimentsmedicus, Zögling der strengen Karlsschule — reiste heimlich, ohne Erlaubnis, zur Premiere. Das hatte Folgen: Herzog Carl Eugen ließ ihn arretieren und verbot ihm, etwas anderes zu schreiben als medizinische Schriften. 1782 floh Schiller aus Stuttgart. Aus dem Militärarzt wurde der freie Dichter — die „Räuber“ haben ihn buchstäblich in die Freiheit getrieben.
Das Stück machte Karl Moor zum Urbild des edlen Räubers und prägte eine ganze „Räuberromantik“. Es wirkte als politisches Fanal weit über die deutschen Grenzen hinaus; Verdi machte später eine Oper daraus („I masnadieri“, 1847). Und es stiftete einen Mythos, der bis heute hält: den des jungen, freien Künstlers gegen den despotischen Staat. Dass Schiller selbst das Stück deutlich kritischer angelegt hat, als die Legende vom revolutionären Fanal nahelegt, geht dabei oft unter — zu Unrecht.
Warum man es heute lesen sollte
Weil „Die Räuber“ eine Versuchung vorführen, die nie alt wird: die Versuchung, eine ungerechte Welt mit Gewalt geradezubiegen. Karl Moor hat recht mit seiner Empörung — die Welt, die Schiller zeigt, ist verlogen, kleinlich, korrupt. Und Karl hat katastrophal unrecht mit seiner Antwort. Wer heute zusieht, wie Menschen sich aus echtem Gerechtigkeitsgefühl in Gewalt und Fanatismus hineinsteigern, liest dieses Stück mit einem Schauer des Wiedererkennens. Es ist ein Drama über Radikalisierung, lange bevor es das Wort gab.
Der Einstieg verlangt Geduld. Die Briefintrige ist konstruiert, der Hungerturm und der Treueschwur sind starkes Theater aus dem
- Jahrhundert, das Pathos ist nicht jedermanns Sache. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt eines der hitzigsten, jüngsten Stücke der deutschen Literatur — geschrieben von einem Dreiundzwanzigjährigen, der noch alles riskierte.
Mein Lesetipp: Fangen Sie mit zwei Monologen an. Erst Franz‘ großer Auftritt im ersten Akt, in dem er sein Lastersystem entwirft — kälter ist in der deutschen Literatur kaum jemand. Dann Karls Wutrede in der Schenke gegen sein „tintenkleksendes Seculum“. Wer diese beiden Stimmen nebeneinander hört, den idealistischen Brand und die eiskalte Berechnung, hat das Stück im Kern verstanden.
Und wenn Sie eine einzige Geste mitnehmen wollen, dann diese, ganz am Schluss. Karl, der sich der Justiz ausliefern will, erinnert sich an einen armen Tagelöhner mit elf Kindern. Auf seinen Kopf sind tausend Louisdore ausgesetzt:
Man hat tausend Louisdore geboten, wer den großen Räuber lebendig liefert — dem Mann kann geholfen werden.
Der große Rebell macht aus seinem letzten Akt eine Wohltat für einen armen Mann. Es ist die menschlichste und klügste Pointe des Stücks — und das Eingeständnis, dass wahre Größe nicht im Adlerflug liegt, sondern in der Rückkehr zur Ordnung, die man verriet.
Zum Weiterlesen
- Quelle des Textes: Die Räuber bei Project Gutenberg
- Wer Schiller weiterverfolgen will: „Kabale und Liebe“ (1784) zeigt denselben jungen Schiller, nun an einem bürgerlichen Trauerspiel — die Wut auf die Standeswelt, aber konzentrierter.
- Wer den Bogen zur Reife sucht: Im „Wallenstein“ (1799) verhandelt der klassische Schiller noch einmal Macht, Verrat und Ordnung — kühler, größer, ohne den Brand der Jugend, aber mit derselben Frage im Kern.