Weimarer Republik & ExilRoman19249 Min. Lesezeit

Der Zauberberg

Drei Wochen zu Besuch, sieben Jahre geblieben — ein Roman über die Zeit, den Tod und Europa vor dem Abgrund


Ein junger Mann fährt für drei Wochen in die Berge, um seinen kranken Vetter zu besuchen. Er bleibt sieben Jahre. In dieser einfachen, unwahrscheinlichen Geschichte hat Thomas Mann das ganze geistige Europa der Vorkriegszeit eingeschlossen — seine Verführungen, seine Debatten, seinen Hang zum Tod. Ein dickes, langsames, hinreißendes Buch über die Zeit.

Worum es geht

Hans Castorp, ein freundlicher, durchschnittlicher Ingenieur aus Hamburg, reist hinauf nach Davos, ins Lungensanatorium „Berghof“, um drei Wochen bei seinem Vetter Joachim zu bleiben. So nüchtern beginnt es:

Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.

Aus den drei Wochen werden sieben Jahre. Oben, in der dünnen Luft, im ewigen Liegen, in der seltsam stehenden Zeit, fällt Hans Castorp selbst eine kleine „feuchte Stelle“ in der Lunge zu — und damit der Welt da unten heraus. Das Flachland, die Arbeit, die Pflicht: alles entgleitet. Stattdessen lässt er sich „erziehen“ — von der Krankheit, vom Tod, von der Liebe und vor allem von zwei großen Redner-Gegnern, die um seine Seele ringen.

Meine These: „Der Zauberberg“ ist ein Roman über die Verführung. Über den Sog, den Krankheit, Tod und das freie Spiel der reinen Ideen auf einen ausüben, der einmal aus der Zeit gefallen ist. Hans Castorps sieben Jahre auf dem Berg sind Europas letzte Friedensjahre, und seine Verzauberung ist die einer ganzen Kultur, die debattiert und träumt, während sie auf die Katastrophe zutreibt. Im Zentrum steht eine einzige Einsicht über Liebe und Tod — und die Tragödie, dass Hans sie findet und wieder vergisst.

Die Geschichte in Kürze

Viel „passiert“ im herkömmlichen Sinn nicht, und das ist Absicht. Hans Castorp kommt an, soll bald wieder fahren, bleibt. Der Rhythmus des Sanatoriums — Liegekur, Mahlzeiten, Fiebermessen, das Gerede der Kranken — saugt ihn ein. Die Zeit selbst verliert ihre Form: Tage dehnen sich, Monate verschwinden, Jahre verrinnen, ohne dass jemand sie zählt.

Hans gerät zwischen zwei „pädagogische“ Mächte. Der eine ist Lodovico Settembrini, ein italienischer Humanist, Aufklärer, Fortschrittsmann — geistreich, wortgewaltig, ein Anwalt der Vernunft, der Form, der Tat, des Lebens im Flachland. Hans tauft ihn insgeheim spöttisch den „Drehorgelmann“, aber er hört ihm zu. Der andere ist Leo Naphta, ein zum Jesuiten konvertierter Denker, der Settembrinis Gegenteil predigt: Terror statt Freiheit, Mystik statt Vernunft, Hingabe an den Tod statt bürgerlichen Fortschritt. Zwischen diesen beiden — dem Wortführer des Lebens und dem Wortführer des Todes — wird Hans Castorp hin- und hergezogen, das umkämpfte „Sorgenkind des Lebens“, wie Settembrini ihn nennt.

Dazu kommt die Liebe. Clawdia Chauchat, eine Russin mit schmalen „Kirgisenaugen“, die bei jeder Mahlzeit die Glastür knallen lässt, zieht ihn in einen Bann, der ihn an einen Schulkameraden erinnert, den er als Junge heimlich liebte. In der „Walpurgisnacht“, einer Faschingsfeier, gesteht er ihr seine Liebe — auf Französisch, als sei das Geständnis in der fremden Sprache weniger wirklich. Sie reist ab und kehrt später am Arm eines großen, lebensvollen Holländers zurück, Mynheer Peeperkorn.

Um Hans herum regiert der Tod, beiläufig und allgegenwärtig. Vetter Joachim, der ehrliche Soldat, der unbedingt zurück zur Armee will, bricht die Kur ab, kehrt zu spät und todkrank zurück und stirbt. Die geistige Luft vergiftet sich; aus den Debatten wird Gehässigkeit. Am Ende fordert Naphta Settembrini zum Pistolenduell. Settembrini schießt in die Luft — und Naphta, außer sich, richtet die Waffe gegen sich selbst.

Und einmal, im großartigsten Kapitel des Buches, kommt Hans Castorp der Wahrheit ganz nah. Dazu gleich.

Die Figuren

Hans Castorp ist mit Absicht kein Held. Mann nennt ihn „einfach“, „simpel“, einen netten, ganz gewöhnlichen jungen Mann. Gerade das macht ihn zur idealen Leinwand: An ihm, dem unbeschriebenen Blatt, lässt sich vorführen, wie ein Mensch von Ideen, Stimmungen und Begierden geformt wird. Seine Wandlung ist still, aber tief — aus dem unbedarften Ingenieur wird einer, der über Zeit, Tod und Liebe nachzudenken gelernt hat. Nur weiß er mit dem Gelernten am Ende nichts anzufangen.

Settembrini und Naphta sind die beiden Pole, zwischen denen das Buch seine geistige Spannung aufbaut. Settembrini — Vernunft, Fortschritt, Demokratie, das „Wort“ als zivilisierende Kraft — ist sympathisch und manchmal komisch in seiner Beredsamkeit. Naphta — Terror, Glaube, Askese, die Sehnsucht nach Auflösung der bürgerlichen Welt — ist faszinierend und abstoßend. Es wäre bequem, in Settembrini den Guten und in Naphta den Bösen zu sehen. Mann macht es uns nicht so leicht: Beide haben recht und unrecht, beide reden glänzend, und beide wollen den jungen Mann ganz für sich. Genau darin liegt die Modernität des Romans — er traut keiner der großen Ideologien, die er so brillant zu Wort kommen lässt.

Clawdia Chauchat ist die Liebe als Krankheit und Entgrenzung: das Lässige, Asiatische, Formlose, das Settembrinis Ordnungswelt unterläuft. Joachim Ziemßen, der Vetter, ist sein menschliches Gegenbild — Pflicht, Geradheit, der Wille zurück ins Leben des Flachlands. Sein Tod ist eine der ergreifendsten Stellen des Buches. Und Hofrat Behrens, der joviale Chefarzt, samt dem Psychoanalytiker Dr. Krokowski, verkörpert die ganze zweideutige Faszination dieser Welt, in der Heilung und Todesdienst ununterscheidbar werden.

Themen und Deutung

Das große, heimliche Thema ist die Zeit. Mann macht sie nicht nur zum Gegenstand, er macht sie zur Form: Den ersten Tagen widmet er hundert Seiten, ganzen späteren Jahren eine einzige. Man erlebt beim Lesen, wie Zeit sich dehnt und schrumpft, je nachdem, ob sie gefüllt ist oder leer. Der Erzähler weiß das und kokettiert damit; er nennt sich selbst den

raunenden Beschwörer des Imperfekts.

Eng damit verbunden ist die Faszination des Todes. Der Berghof ist ein Ort, an dem der Tod nicht erschreckt, sondern verlockt — als Befreiung von der Mühe des Lebens, als interessantes, vornehmes Geheimnis. Diese „Sympathie mit dem Tode“ ist die eigentliche Krankheit des Buches, und sie ist ansteckend. Hans Castorp verfällt ihr fast.

Doch der Roman setzt dieser Verführung etwas entgegen, und das geschieht im Kapitel „Schnee“. Hans, leichtsinnig allein auf Skiern unterwegs, gerät in einen Schneesturm, verirrt sich, sinkt erschöpft in den Schnee und träumt — erst von einer schönen, sonnigen Menschenwelt, dann von einem Grauen dahinter. Aus diesem Traum steigt der Satz, den das ganze Buch gesucht hat:

Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.

Das ist die Mitte des Romans, und Mann hat sie eigens hervorgehoben. Nicht die Vernunft (Settembrini) und nicht die Todesmystik (Naphta) behalten recht, sondern ein Drittes: die Liebe, die Güte, als die einzige Kraft, die stärker ist als der Tod. „Die Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie … ist stärker als er“, heißt es ein paar Zeilen vorher.

Und nun die Tragödie: Hans Castorp kommt aus dem Schnee zurück — und vergisst seine Einsicht. Schon am Abend ist sie verblasst. Genau hier liegt für mich der Kern des Buches. Der Mensch findet die Wahrheit über Liebe und Tod und hält sie nicht fest; die Kultur findet sie und marschiert trotzdem in den Krieg. Was am Ende über den Berg hereinbricht, ist die Quittung für das große Vergessen.

Sprache und Form

„Der Zauberberg“ ist ein „Zeitroman“ in doppeltem Sinn: ein Roman über die Zeit und ein Roman über seine Zeit, das Europa vor 1914. Sein Werkzeug ist die Ironie. Der Erzähler steht nie ganz hinter seinen Figuren; er liebt sie und lächelt über sie zugleich. Gleich zu Beginn warnt er, er werde die Geschichte „genau und gründlich“ erzählen, denn „nur das Gründliche“ sei „wahrhaft unterhaltend“ — ein augenzwinkerndes Versprechen an den Leser, der sich auf ein langes Buch einlässt.

Manns zweites Werkzeug ist das Leitmotiv, von Wagner gelernt: Bilder und Sätze, die wiederkehren und sich aufladen — der geliehene Bleistift, die knallende Glastür, das „Sorgenkind des Lebens“, Schuberts Lied vom Lindenbaum. Beim ersten Auftauchen sind es Kleinigkeiten; beim letzten tragen sie das Gewicht des ganzen Romans.

Diese Form fordert Geduld. Die großen Streitgespräche zwischen Settembrini und Naphta ziehen sich über viele Seiten, ganze Kapitel sind essayistische Exkurse. Wer Tempo sucht, ist hier falsch. Wer sich aber auf den langsamen Sog einlässt, merkt, dass die Langsamkeit das Thema ist.

Wirkung und Nachleben

„Der Zauberberg“ erschien 1924 und machte Thomas Mann endgültig zum geistigen Repräsentanten seiner Epoche. 1929 erhielt er den Nobelpreis. Der Roman gilt als einer der zentralen Texte der literarischen Moderne und als die Diagnose des europäischen Vorkriegsbewusstseins: Das Sanatorium auf dem Berg wurde zum Sinnbild einer Gesellschaft, die sich im Reden und Kranksein einrichtet, während die Katastrophe näher rückt.

Besonders die Figuren Settembrini und Naphta haben eine lange Nachgeschichte. Man hat in ihrem Duell die geistigen Lager des 20. Jahrhunderts wiedererkannt — Aufklärung gegen Gegenaufklärung, liberale Vernunft gegen die totalitären Versuchungen von rechts und links, die kurz darauf über Europa kamen. Mann, der den Roman über zwölf Jahre und über den Ersten Weltkrieg hinweg schrieb, hat darin seinen eigenen Weg vom unpolitischen Bürger zum Verteidiger der Demokratie verarbeitet. Wenige Jahre später ging er selbst ins Exil.

Warum man es heute lesen sollte

Weil dieses Buch von einer Erfahrung erzählt, die wir alle kennen: aus der Zeit zu fallen. Wer je krank lag, wer je in einer Blase aus Bequemlichkeit und endlosem Reden steckte, während draußen die Welt weiterging, findet sich in Hans Castorp wieder. Und weil der Roman eine unbequeme Frage stellt: Was hält eine Kultur eigentlich zusammen, wenn alle großen Gewissheiten fragwürdig geworden sind? Manns Antwort — Liebe, Güte, Form — ist leise und keineswegs naiv. Sie weiß, wie leicht man sie vergisst.

Ich will nichts beschönigen: Das ist ein langes, langsames, anspruchsvolles Buch. Man liest es nicht an einem Wochenende und nicht im Zug. Aber es belohnt die Geduld wie wenige.

Mein Lesetipp: Lesen Sie zuerst den kurzen „Vorsatz“ am Anfang — er gibt den ironischen Ton und das Zeit-Thema in wenigen Seiten. Lassen Sie sich dann von den ersten Kapiteln in den Rhythmus des Berghofs ziehen, ohne auf „Handlung“ zu warten. Und steuern Sie das Kapitel „Schnee“ an wie ein Ziel — dort, im Schneesturm, schlägt das Herz des Romans.

Den letzten Satz spricht der Erzähler seinem „Sorgenkind“ nach, als der Krieg ausbricht und Hans Castorp ins Flachland und an die Front hinabsteigt, verloren im Trommelfeuer, das Lindenbaum-Lied auf den Lippen. Es ist eine Frage, und sie gilt nicht nur ihm, sondern uns:

Wird auch aus diesem Weltfest des Todes … einmal die Liebe steigen?

Das Buch gibt keine Antwort. Es legt sie uns in die Hand.

Zum Weiterlesen

  • Quelle des Textes: „Der Zauberberg“ bei Project Gutenberg — Erster Band und Zweiter Band.
  • Wer Thomas Mann von vorn kennenlernen will: „Buddenbrooks“ (1901), der große Familienroman, der ihn berühmt machte — zugänglicher, erzählender, ohne die essayistische Wucht des „Zauberbergs“.
  • Wer das Kapitel „Schnee“ geliebt hat: Es lässt sich auch für sich allein lesen, als kleine Erzählung im großen Roman — der beste Einstieg in Manns Denken über Leben und Tod.