Problem ungelöst: Geistiges Eigentum und Marktwirtschaft

Der Begriff “geistiges Eigentum” (engl. intellectual property, IP) ist sehr umstritten, auch weil er gar nicht so einfach zu definieren ist. Es werden auch sehr unterschiedliche Konzepte unter diesem Begriff zusammengefasst: Patente, Copyright, Geschäftsgeheimnisse und Trademarks/Warenzeichen. Stephan N. Kinsella definiert ihn in seinem Buch “Against Intellectual Property” anhand der “Knappheit”.

Against Intellectual Property

“Knapp” bedeutet in der Ökonomie, dass ein Wirtschaftsgut nicht in beliebiger Anzahl vorhanden ist oder produziert werden kann. Zum Beispiel ist sauerstoffreiche Luft an der Nordseeküste nicht knapp, während die Grundstücke in Strandnähe knapp sind. Die meisten physikalischen Güter sind knapp. Von ihnen ist meistens nicht genügend für alle da. Daher werden gesellschaftliche Konventionen benötigt, um Konflikte zu vermeiden. Hierzu dienen die “Eigentumsrechte”, die laut Kinsella klar definieren sollten, wem etwas gehört. Bei geistigem Eigentum aber sieht Kinsella ein Problem. Er schreibt im Abschnitt “Scarcity and Ideas” folgendes: ”only tangible, scarce resources are the possible object of interpersonal conflict, so it is only for them that property rules are applicable”, also ”nur berührbare, knappe Ressourcen können der Gegenstand von Konflikten zwischen Personen sein, also können Eigentumsrechte nur für diese gelten”.  Ideen und Informationen sind daher nach Kinsella kein Eigentum, da sie einfach geteilt und kopiert werden können. Er schreibt “Unlike tangible property, information is not ownable; it is not property”.

Kurz zusammengefasst fordert Stephan N. Kinsella für physikalische Güter eine kapitalistische Eigentumsdefinition und für Informationen eine “sozialistische”, denn sie gehören allen und sind eine Art Allmende.

Und damit habe ich ein paar Probleme, aber dazu muss ich teilweise etwas ausholen:

  1. Informationen, Wissen und digitale Güter haben andere Eigenschaften als physikalische Güter, wie Carl Shapiro und Hal R. Varian in ihrem Buch “Information Rules: A Strategic Guide to the Network Economy” beschreiben. Digitale Güter sind nicht-rival, nicht knapp und führen zu Netzwerkeffekten. Rivale Güter werden beim Konsum verbraucht, wie z. B. Lebensmittel. Nicht-rivale Güter hingegen werden bei der Benutzung nicht verbraucht. Eine MP3-Datei kann man beliebig oft hören. Verbrauchen tun sich allerdings die Speichermedien, wie Festplatten oder USB-Sticks. Digitale Güter lassen sich auch leicht kopieren. Damit sind sie (fast) unbegrenzt verfügbar, sofern sie einmal erstellt wurden. Sie sind nicht knapp. Carl Shapiro und Hal R. Varian drücken das folgendermaßen aus “Information ist teuer herzustellen, aber billig zu kopieren”.
  2. Außerdem dienen Informationen zur Reduzierung der Unsicherheit und das ist auf jeden Fall wertvoll. Der Mensch ist sich bezüglich des Zustands eines Systems unsicher. Er weiß nicht alles über das System. Mit Informationen kann er die Unsicherheit verringern. Zum Beispiel kann er durch einen Blick auf ein Thermometer feststellen, wie warm “das System” gerade ist. Die Messung führt zu Daten und die Information in diesen Daten verringert die Unsicherheit. Da die Beschaffung dieser Informationen (das Messen der Temperatur) mit Kosten verbunden ist, kann man nicht sagen, Informationen wären nicht knapp. Die Daten, die am CERN in der Schweiz erzeugt werden, kosten Millionen von Euro. Sie sind knapp. Die Erstellung eines Buchs besteht aus der arbeitsintensiven Filterung der Ideen, Anordnung der Ideen in eine schöne Geschichte, Ausschmückung, usw. Die Erstellung ist nicht “knapp”. Menschen, die gute Literatur schreiben können, sind “knapp”.
  3. Manche Informationen sind schwer zu beschaffen: Was ist die Lösung für ein Kreuzworträtsel? Eine Idee bzw. Information. Aber die Lösung benötigt Zeit und Gehirnleistung. Und ist daher knapp. Und es gibt noch schwierigere Probleme, wie z. B. die sog. NP-vollständigen Probleme in der Informatik. Die Lösung eines solchen Problems benötigt exponentiell viel Rechenzeit im Verhältnis zur Größe des Problems. Rechenzeit benötigt Strom und Strom ist knapp. 4. Mit dem Internet der Dinge wird die physikalische Welt “digitalisiert”. Hier hätte man den Widerspruch, das der physikalische Gegenstand jemandem gehört, die Informationen über diesen Gegenstand aber Allgemeingut sind. Und die Digitalisierung wird noch weiter voranschreiten:  Der Zukunftsforscher Raymond Kurzweil sagt in seinem Buch “The Singularity Is Near: When Humans Transcend Biology “ auch die Digitalisierung der Biologie voraus.
  4. Ludwig von Mises hat 1922 in seinem Buch “Die Gemeinwirtschaft” dargelegt, dass Sozialismus nicht funktionieren kann, wenn alle Produktionsmittel verstaatlicht werden. Denn es gibt dann keine Wirtschaftsrechnung, weil es keine Märkte und damit keine Preise gibt. Preise entstehen aus Angebot und Nachfrage, durch Feilschen der Käufer und Verkäufer. Jeder einzelne Kauf/Verkauf ist eine Optimierung, bei dem beide Parteien versuchen, möglichst viel zu gewinnen. Wenn Informationen aber kein Eigentum sind, können sie auch nicht zur Wirtschaftsrechnung benutzt werden.
  5. Auch unterscheidet Kinsella nicht ausreichend genug zwischen Patent und Copyright, dabei haben beide eine sehr unterschiedliche Natur.  Mit einem Copyright schützt jemand seine eigene Arbeit vor Plagiatoren. Durch ein Copyright wird niemand anderes daran gehindert, ein Buch zu schreiben. Es kann kein Monopol entstehen, da die anderen Künstler ebenfalls Bücher schreiben oder Musik machen können. Bei einem Patent hingegen wird die Herstellung eines Produkts verhindert. Andere Firmen werden z. B. daran gehindert, ein Handy mit nur einem Button herzustellen, weil eine andere Firma ein Patent drauf besitzt. Patente und Copyrights sind also unterschiedlich und sollten auch unterschiedlich behandelt werden.
  6. Die physikalische Welt ist längst nicht mehr so wichtig, wie die “geistige” Welt. Wissen hat Kapital als wichtigsten Produktionsfaktor längst abgelöst. Wir leben längst im “Post-Kapitalismus”, wie es 1994 der Unternehmensberater Peter F. Drucker ausdrückte.

Zusammenfassung: Die traditionelle Definition von Eigentum anhand von “Knappheit” lässt sich nicht auf digitale Güter übertragen. Der Ansatz von Stephen Kinsella kann daher keine Lösung für eine digitale Marktwirtschaft sein.

  • Stephan N. Kinsella
  • Against Intellectual Property
  • Ludwig von Mises Institute
  • 2015

Siehe auch die Renzension bei Amazon.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde im November 2016 an das neue Blog-Format angepasst.

 "Gute Präsentationen machen gut präsentiert" "'Lag' und wie man ihn minimiert"