Lassen sich die Folgen einer Krise vorhersagen? (Teil 3/4)

Die Manipulation des Leitzins durch die Zentralbanken löst viele Fehlinvestitionen aus. Diese müssen dann während einer Krise korrigiert werden [1]. Der genaue Zeitpunkt der nächsten Krise ist nicht vorhersagbar, da die Wirtschaft ein sehr komplexes System ist [2]. Lassen sich denn die Folgen der nächsten Krise vorhersagen? Lässt sich vorhersagen, wer die Krise besser übersteht als andere?

Die Entstehung der Krise

Durch das “billige” Geld werden viele Leute im Finanzsektor verleitet, riskante Investitionen zu machen. Sie haben meistens Risikomodelle, die nur einen Teil der Realität abbilden [3]. Hier muss man sich ganz klar machen, dass viele dieser Geschäfte mit einem höheren Leitzins nicht gemacht werden würden, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gewinn erzielt wird, kleiner ist. Ein weiterer Faktor, der das Risiko für die Bank senkt, ist die Aussicht auf staatliche Hilfen im Falle einer Insolvenz der Bank (“to big to fail”) [4]. Damit kommt es zur “Gier” - wie dieses Verhalten in der Mainstream-Presse genannt wird. Man kann sich die Wirtschaft als eine Art Fluss von Geld vorstellen, das durch eine Ebene fliesst. Dabei sucht es sich natürlich den Weg des geringsten Widerstands und der größten Gewinnmöglichkeit. Die Finanzindustrie möchte das “billige” Geld möglichst gewinnbringend anlegen. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, das das Geld in Bereiche eindringt, die von der Politik noch nicht “reguliert” wurden. Denn allgemein gilt, das in “regulierten” Märkten Gewinne schwerer zu erzielen sind, als in “unregulierten” Märkten. Deshalb gibt es nach den Krisen auch immer Forderungen von Politikern, dass man endlich diese Märkte “regulieren” sollte und sprich von “ungezügelten Märkten” oder “Raubtierkapitalismus”. Sie lösen damit die Ursache allerdings nicht, sondern “doktoren an den Symptomen herum”.

Die Ausbreitung der Krise

Irgendwo werden die Fehlinvestitionen jetzt bemerkt und die ersten Firmen reagieren darauf, in dem sie ihre Ausgaben reduzieren. Oder Aktionäre versuchen, ihre Aktien zu verkaufen. Wenn dann eine bestimmte kritische Masse erreicht wird, kommt es meistens in einem bestimmten Teil der Wirtschaft zu einer Krise. Manchmal beschränkt sich die Krise auf eine Region oder ein Land. Bei großen Krisen lösen diese Anfangskrisen aber weitere Krisen aus. Ein Beispiel ist die Euro-Krise ab 2009, die aus einer Staatsschuldenkrise, einer Bankenkrise und einer Wirtschaftskrise bestand [5] und von der Finanzkrise von 2007 angestossen wurde [6]. Hier hat sich das Bild der Schock-Welle (“shock wave”) etabliert. Der erste Anfang der Krise sendet eine Art Schock-Welle durch die Wirtschaft und zwingt alle Marktteilnehmer zu einer Reaktion. Damit verbreiten sich die Krise durch das Wirtschaftssystem und löst evtl. zeitversetzt neue Krisen aus.

Feststellung: Krisen sind Reinigungsprozesse und trennen die reaktiven, dynamischen und adaptiven Wirtschaften von den statischen.

Dynamische und statische Wirtschaften und die Krise

Um eine Krise zu überleben, müssen sich Wirtschaft und Politik schnell und dynamisch an die geänderten Bedingungen anpassen können. Zuerst brechen die Einnahmen der Firmen weg und damit fehlen dem Staat zeitverzögert wichtige Steuereinnahmen. Aus der Krise der Wirtschaft wird dann eine Krise der Staatsfinanzen. Wenn die Einnahmen sinken, müssen die Ausgaben entsprechend gesenkt werden oder es muss vom angesparten Kapital gelebt werden. Je länger die Anpassung an die durch die Krise geänderten Bedingungen dauert, desto teurer wird die Krise. Wenn sich die Wirtschaft eines Landes schnell an die Krise anpassen kann (also eher markt-liberal orientiert ist), dann kann sich die Wirtschaft schnell zusammenziehen und nach der Krise schnell wieder expandieren. Beispiele für solche Länder waren die USA und Deutschland. Ob sie es heute noch sind, wird die nächste Krise zeigen. Wenn die Wirtschaft statisch ist, sich nicht an die durch die Krise veränderte Situation anpasst, und darauf besteht, dass die Politik die Krise irgendwie “löst”, dann gehen die Firmen insolvent und ein Teil der Wirtschaft überlebt die Krise nicht. Das ist z. B. in Griechenland passiert. Wenn die Firmen erst mal weg sind, ist aber auch das Wissen weg und ein Neuanfang ist immer schwerer als ein Weitermachen. Wichtig für eine Wirtschaft ist es daher, dass sie resistent gegen Krisen ist. Diese Eigenschaft bezeichnet Nassim Taleb als “Anti-Fragilität”, als “Anti-Zerbrechlichkeit” [7].

Feststellung: Die dynamischeren Wirtschaften (und auch Firmen, siehe den nächsten Artikel) können Finanzkrisen besser überstehen.

Wenn im Herbst eine Finanzkrise wäre?

Wenn jetzt - wie von manchen Endzeitpropheten vorausgesagt - im Herbst 2015 eine Finanzkrise stattfinden würde, was wären die Folgen? Wer ist da besser vorbereitet? Die USA, die EU oder China? China steckt ja schon mitten in einer Krise. Die EU hat die Folgen der letzten Krise noch nicht ganz verarbeitet und der Dollar ist so stark wie nie zuvor. Wer da jetzt dynamischer ist, müssen Wirtschaftswissenschaftler entscheiden, da bin ich als Informatiker überfragt. Mal sehen …

Im nächsten Artikel gehe ich auf die Situationen von Firmen während einer Krise ein.

Fazit

Viele stellen sich die Welt sehr einfach vor. Um einen Einblick in das Thema “Komplexität” zu bekommen, empfehle ich [8], für Fortgeschrittene [7].

Literatur

  1. Jörn Dinkla. Wirtschaftskrisen: Manipulation des Leitzins löst Boom & Bust aus
  2. Jörn Dinkla. Die Vorhersage von Wirtschaftskrisen
  3. Wikipedia. Financial risk modeling
  4. Wikipedia. Hans-Werner Sinn
  5. Wikipedia. Euro-Krise
  6. Wikipedia. Finanzkrise ab 2007
  7. Nassim Nicholas Taleb. Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. Albrecht Knaus Verlag. 2013.
  8. Melanie Mitchell. Complexity: A Guided Tour. Oxford University Press. 2011.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde im November 2016 an das neue Blog-Format angepasst.

 "Die Vorhersage von Wirtschaftskrisen (Teil 2/4)" "Gehen Firmen zu optimistisch in die nächste Krise? (Teil 4/4)"