Die Vorhersage von Wirtschaftskrisen (Teil 2/4)

Im letzten Artikel [1] habe ich erklärt, warum eine Festsetzung des Leitzins eine Krise hervorruft. Es ist also sicher, dass eine Krise kommt, aber kann man den Zeitpunkt vorher bestimmen?

Der Zeitpunkt der nächsten Krise: Prognosen, Statistik und Determinismus

Die österreichische Schule ist schon eine Art Außenseiter-Theorie [2] und ist auch nicht vielen bekannt. Zum Beispiel wird sie auf der deutschen Wikipedia-Seite zur “Konjunkturtheorie” erst gar nicht erwähnt [3].

Der Grund liegt darin, dass sie auf einer völlig anderen Grundlage beruht, als die anderen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien. Die Mainstream-Theorien glauben alle daran, dass man anhand der statistischen Analyse der Vergangenheit auf die Zukunft schließen kann [4,5]. Bei deterministischen Prozessen wie z. B. in der Physik, handelt jedes Atom nach “Naturgesetzen”, also immer gleich. Ein Atom hat keinen freien Willen und kann sein Verhalten nicht eigenwillig verändern.

Hier sind statistische Analysen natürlich sinnvoll und mit hoher mathematischer Wahrscheinlichkeit korrekt [6]. Bei der hohen Anzahl von Atomen ist eine statistische Analyse sogar oft die einzig mögliche Analyse, weil es zu lange dauern würde für jedes Atom zu jedem Zeitpunkt seine Position und Kräfte zu berechnen [6]. Allerdings wird sich dieses mit schnelleren Computern in der Zukunft wohl langsam ändern [7].

Wirtschaftliches Handeln wiederum ist menschliches Handeln und nicht deterministisch [2]. Zum Beispiel wird jemand, der schon mal Aktien gekauft hat und viel Geld damit verloren hat, beim zweiten Mal anders handeln und z. B. Gold kaufen. Natürlich kann man bei nicht-deterministischen-Systemen auch Aussagen über zukünftiges Verhalten machen, nur sind dieses “unsichere” Aussagen [8]. Man kann z. B. nur Aussagen wie “Mit einer Wahrscheinlichkeit von 98% wird im Zeitraum von … bis … die Kursentwicklung stabil sein”. Dieses führt zu dem bekannten Spruch “Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen”.

Feststellung: Da wirtschaftliches Verhalten menschliches Verhalten ist, ist es nicht vorhersagbar.

Nur in Einzelfällen können für kleine Zeiträume oder kleine Gruppen von Menschen genaue Aussagen gemacht werden. Über einen langen Zeitraum ist eine Vorhersage unmöglich.

Algorithmic Trading

Wie gut eine Prognose sein kann, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum Beispiel von der Komplexität der zu prognostizierenden Funktion und von der Qualität der zur Verfügung stehenden Daten zum “Üben”. Im “Data Mining” wird z. B. versucht aus Daten neues Wissen zu gewinnen [9]. Natürlich sind in kleineren Anwendungsgebieten Erfolge möglich [10].

Die gesamtwirtschaftliche Situation allerdings, die in Aktienkursen abgebildet wird, ist zu komplex, um sie vorhersagen zu können. Aus Informatiker-Sicht ist es sogar unmöglich, denn es werden inzwischen Computerprogramme zum Handeln eingesetzt [11].

Und eine Vorhersage dieser Programme würde ein Programm erfordern, dass mindestens so komplex ist, wie das Händler-Programm. Daraufhin würden die Händler ihre Programme ändern, weil sie nicht vorhersagbar sein wollen, denn sie machen dann keinen Gewinn mehr. Das ist also eine Schleife.

Externe Einflüsse auf die Wirtschaft

Da die Wirtschaft im Endeffekt von Menschen gemacht wird, gibt es auch externe Einflüsse, wie z. B. politische Ereignisse. Als Beispiel sei der Angriff auf das World-Trade-Center in New York am 11.9.2001 genannt, der zu Kursrutschen an Börsen in der ganzen Welt führte.

Ein weiteres Beispiel beschreibt Hans-Werner Sinn in seinem Buch “Kasino-Kapitalismus”: die Garantie von Hypotheken ohne Bonitätsüberprüfung für bestimmte Bevölkerungsschichten, die dann die Ursache für die “Subprime”-Krise war [12].

Es gibt aber auch religiöse Einflüsse auf das Wirtschaftsleben. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte Sabbatjahr bzw. Shmita, dass alle sieben Jahre gehalten werden soll [13]. In einem solchen Jahr sollen die Acker brach liegen gelassen werden und Schulden erlassen werden. Laut [13] befinden wir uns gerade in einem solchen Sabbatjahr und es endet am 13.9.2015. Nach dem siebten Sabbatjahr, also nach 49 Jahren, soll ein Erlassjahr, auch Jubeljahr genannt, [14] gehalten werden. Dieses Jubeljahr beginnt am 13.9.2015. Auch die katholische Kirche hat ein Jubeljahr ausgerufen [15], das am 8.12.2015 beginnt.

Natürlich locken solche Ereignisse auch diverse Endzeitpropheten an, denn das Internet ist ein ideales Medium für diese. Es kommt jetzt nicht darauf an, ob es wahr ist, was diese Propheten verkünden. Für die Prognose der Aktienkurse ist nur wichtig, wie religiöse Menschen auf diese Ereignisse reagieren und ob das wiederum einen Einfluss auf den Rest des Markts hat. Wenn es z. B. einen kleinen Kursrutsch gibt, reagiert der Rest dann besonnen und kauft weiter oder verkaufen dann alle im Herdentrieb (bzw. die Algorithmen)? Um zu erfahren, wie religiöse Marktteilnehmer reagieren werden, müsste man eine statistische Umfrage machen. Ohne diese Informationen kann man leider keine Aussagen machen.

Feststellung: Ohne genauere Informationen über das Verhalten der Markteilnehmer, kann man leider nur spekulieren. Ich selber habe keine Aktien, aber ab Mitte September werde ich mir die Kurse ab und zu mal angucken. Wer sich für Data Mining und Prognosen interessiert, dem sei das Buch von Foster und Provost empfohlen [16].

Nachtrag 2016: Die Warnung von 2015 war richtig. Im Oktober 2015 gab es einen Kursrutsch von ca. 10% in vielen Teilen der Erde.

Literatur

  1. Jörn Dinkla. Wirtschaftskrisen: Manipulation des Leitzins löst Boom & Bust aus
  2. Ludwig von Mises. Human Action
  3. Wikipedia. Konjunkturtheorie
  4. Wikipedia. Technische Analyse
  5. Wikipedia. Technical Analysis
  6. Wikipedia. Statistische Physik
  7. Wikipedia. Computational Physics
  8. Wikipedia. Uncertainty
  9. Wikipedia. Data Mining
  10. Wikipedia. Prognose
  11. Wikipedia. Automatisierter Handel
  12. Wikipedia. Hans-Werner Sinn
  13. Wikipedia. Sabbatjahr
  14. Wikipedia. Erlassjahr
  15. Radio Vatikan. “Pope Francis presents Bull of Indiction of Jubilee of Mercy”
  16. Foster Provost, Tom Fawcett. Data Science for Business

Anmerkung: Dieser Artikel wurde im November 2016 an das neue Blog-Format angepasst.

 "Wirtschaftskrisen: Manipulation des Leitzins löst Boom & Bust aus (Teil 1/4)" "Lassen sich die Folgen einer Krise vorhersagen? (Teil 3/4)"