Wirtschaftskrisen: Manipulation des Leitzins löst Boom & Bust aus (Teil 1/4)

Seit dem Anfang der letzten Wirtschaftskrise am Ende des Jahres 2008 beschäftige ich mich in meiner Freizeit mit der Ursache dieser Krisen, wie man sie vorhersagen könnte und welche Folgen sie haben.

Ich bin beruflich Informatiker, habe also mehr mathematische, statistische und logische Vorkenntnisse als wirtschaftswissenschaftliche. Eventuell hat mir diese Unkenntniss geholfen, die sogenannte Österreichische Schule der Ökonomie zu entdecken [1].

Zinsen

Für eine größere Investition leiht man sich typischerweise Geld von der Bank. Banken wiederum selber leihen sich Geld bei der Zentralbank (*). Für das Leihen von Geld wird ein Zins fällig. Dieser Zins drückt das Verhältnis des Werts heute und in der Zukunft aus [8]. Bei einem Zins von 5% werden 100 Euro heute wie 105 Euro in einem Jahr angesehen. Damit sich das Leihen rentiert, muss das Geld so investiert werden, dass der Gewinn die Zinsen übersteigt. Man muss also in einem Jahr mehr als 105 Euro einnehmen. Je höher der Zinssatz, desto schwieriger wird es, Gewinn zu machen. Bei hohen Zinsen werden die Investitionen daher sehr viel kritischer bewertet als bei niedrigeren Zinsen. Umgekehrt gilt natürlich: je niedriger die Zinsen, desto einfacher der Gewinn.

Wie wird der Zins bestimmt?

In einem unregulierten Finanzmarkt wird der Zins “natürlich” gebildet [8]. Man spricht auch von einem “Marktzins”. Dieser Marktzins wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Es gibt Leute, die ihr vorhandenes Geld sparen möchten und es gibt Leute, die Kredite aufnehmen wollen. Die Banken finden dadurch den “Marktzins”. Die Sparer gehen zu der Bank, wo sie die höchsten Zinsen bekommen und die Leiher gegen zu der Bank, wo sie die niedrigsten Zinsen zurückzahlen müssen (*). Hier gelten die üblichen Regeln zwischen Angebot, Nachfrage und Preis [2].

In der Wirtschaftslehre wurde schon vor langer Zeit erkannt, dass die Festsetzung von Mindest- oder Höchstpreisen durch die Politik sehr negative und unerwünschte Nachteile haben kann. Paul Krugman beschreibt es auch in seinem Buch sehr schön [2, Kap. 4].

Der Leitzins und seine Folgen

Der Leitzins der EZB und der FED ist eine solche Marktregulierung. Der Leitzins bestimmt die Zinsen, zu dem sich die Banken von der Zentralbank Geld leihen können [3]. Der Leitzins ist momentan in der EU bei 0.05%, also sehr niedrig [4].

Dadurch sind Kredite günstig zu haben und es werden Investitionen gemacht, die bei höheren Zinsen nicht gemacht werden würden. Wer kennt in seinem Bekanntenkreis nicht auch jemanden, der in den letzten Jahren Immobilien gekauft hat, weil es die Kredite “so billig so schnell nicht wieder gibt”.

Banken können sich jetzt auch “billiges” Geld leihen und versuchen die 0.05% zu erwirtschaften. Am einfachsten geht das durch “Zocken” am Aktienmarkt und mit den unzähligen weiteren Fantasieprodukten des Finanzsektors. Mit einem niedrigem Leitzins beginnt ein Börsenboom.

Damit das eine richtige Blase ergibt muss man sich in die Firmen hineindenken, deren Aktienkurse jetzt steigen. In einer natürlichen Wirtschaft mit einem natürlichem Zins würde das Ansteigen des Kurses bedeuten, dass die Aktionäre denken, die Firma sei auf dem richtigen Kurs und würde tolle Produkte herstellen. Die Leitung des Unternehmens könnte also planen, die Produktion zu erweitern, neue Mitarbeiter einzustellen, neue Fabriken zu bauen, etc.

In der manipulierten Wirtschaft heißt es das aber nicht mehr. Wenn die Firma das weiß, ist es ok. Sie muss also versuchen, die tatsächliche Lage des Unternehmens zu bewerten und nicht den Aktienkurs. Denn der Aktienkurs ist aufgrund des gesenkten Leitzins und der dadurch vermehrten Aktienkäufe verzerrt. Wenn die Firma das aber nicht tut und den Aktienkurs ernst nimmt, fängt sie an die Produktion auszuweiten, Fabriken zu bauen, usw. Die Firma fängt an zu investieren.

Wenn der Leitzins niedriger ist als der Marktzins werden daher Investitionen gemacht, die ansonsten nicht gemacht werden würden. Und das genau ist die Blase [8].

Aufschwung und Krise / “Boom and Bust”

Jetzt können zwei verschiedene Ereignisse eintreten [7]: a) Irgendwann erkennen die Firmen, dass zwar ihre Aktien an Wert gewonnen haben, sie ihre Produkte aber nicht stärker verkaufen als vorher. Sie haben also die Aktieninformationen falsch interpretiert und Fehlinvestitionen gemacht. Jetzt müssen sie auf die Bremse treten und die Ausgaben wieder senken. Wenn das mehrere Firmen erkennen, beginnt mit der Reduzierung der Ausgaben die Krise. Oder b) die Zentralbanken wollen die Wirtschaft abbremsen und erhöhen den Leitzins wieder. Dieses betrifft dann langlaufende Projekte, die noch nicht abgeschlossen sind. Mit den höheren Zinsen lohnt sich evtl. die Weiterführung des Projekts nicht mehr. Beispielsweise werden in einer solchen Situation Wolkenkratzer nicht mehr weitergebaut (“skyscraper curse”) [5, 6].

Es kommt also zu einer Krise. Diese Krise ist eigentlich eine Art “Reinigungsprozess” bei der die Fehlentscheidungen, die aufgrund der zu niedrigen Zinsen gemacht wurden, wieder korrigiert werden müssen. Das sehen allerdings nicht alle so: manche sind dann der Meinung, dass man den Leitzins weiter senken sollte, damit der “Aufschwung” wieder losgeht. Damit wird nach der Konjunkturtheorie der österreichischen Schule die notwendige Korrektur bzw. “Reinigung” auf später verschoben, d.h. die Krise wird heraus gezögert. Bei einem Leitzins von 0.05% bleibt auch nicht viel Raum mehr nach unten. Da ist die Luft schon fast raus.

Fazit: Wenn die Leitzinsen unterhalb des Marktzinses festgesetzt werden, kommt es zu Fehlinvestitionen und damit mit Sicherheit zu einer Krise. Den Zeitpunkt kann man allerdings nicht so genau bestimmen. Siehe den nächsten Artikel.

Wer sich für eine humorvolle Einführung in die österreichische Schule interessiert, dem sei [9] empfohlen.

(*) das ist natürlich stark vereinfacht

Literatur

  1. Wikipedia. Österreichische Schule
  2. Paul Krugman, Robin Wells. Volkswirtschaftslehre. Schäffer-Poeschel. 2010.
  3. Wikipedia. Leitzins
  4. ECB. ECB Daten
  5. Wikipedia. [Skyscraper Index(https://en.wikipedia.org/wiki/Skyscraper_Index)
  6. Mark Thornton. Skyscrapers and Business Cycles
  7. Wikipedia. Austrian business cycle theory
  8. Ludwig von Mises. Human Action
  9. Peter Schiff. Wie eine Volkswirtschaft wächst und warum sie abstürzt. Börsenbuchverlag. 2011.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde im November 2016 an das neue Blog-Format angepasst.

 "Folien: 'Geschäftsmodelle - Ein kurzer Überblick'" "Die Vorhersage von Wirtschaftskrisen (Teil 2/4)"