ExpressionismusRoman19154 Min. Lesezeit
Der Golem
Im Traumlabyrinth des Prager Ghettos
Ein Mann erwacht mit den Erinnerungen eines anderen: Athanasius Pernath. Das Prager Ghetto verwandelt sich in ein Labyrinth aus Gassen, Träumen, Verschwörungen und wechselnden Identitäten. Wer darin nur den nächsten Hinweis verfolgt, verpasst die eigentümliche Sogwirkung des Romans.
Worum es geht
Der Golem aus der jüdischen Legende ist ein künstlicher Mensch aus Lehm, zum Leben erweckt durch ein heiliges Wort. Bei Meyrink läuft er nicht als Monster durch Prag. Er ist eine unklare Präsenz: eine Gestalt, eine Erinnerung, vielleicht das Bild eines Menschen, der nicht zu sich selbst erwacht ist.
Die Nähe zum Expressionismus zeigt sich in dieser inneren Stadtansicht. Gassen, Häuser und Gesichter bilden keine verlässliche Topografie; sie nehmen Angst, Enge, Entfremdung und Verwandlungswünsche auf.
Die Geschichte in Kürze
Ein namenloser Erzähler schläft ein und findet sich im Bewusstsein des Gemmenschneiders Athanasius Pernath wieder, der im Prager Ghetto lebt und an Erinnerungslücken leidet. Ein geheimnisvoller Besucher bringt ihm ein Buch, das alte Bilder in ihm weckt. Pernath lernt die Menschen seines Viertels kennen: den weisen Hillel und dessen Tochter Mirjam, den verzweifelten Charousek, den zwielichtigen Wassertrum und andere Figuren, deren Geschichten sich wie Träume ineinanderschieben.
Pernath gerät in eine Intrige, wird zu Unrecht eingesperrt und findet nach seiner Entlassung das alte Ghetto fast verschwunden. Die Suche nach Mirjam und nach sich selbst führt in eine Erzählung, die immer weniger zwischen außen und innen unterscheidet. Im Schluss entdeckt der ursprüngliche Erzähler ein Haus, in dem Pernath und Mirjam leben; Pernaths Gesicht gleicht seinem eigenen wie ein Spiegelbild.
Die Figuren
Pernath ist kein klassischer Romanheld. Er besitzt kaum eine feste Vergangenheit, und genau das ist seine Not. Er versucht nicht, eine Karriere oder ein Ziel zu erreichen, sondern erst einmal einen inneren Zusammenhang zu gewinnen. Mirjam verkörpert dabei keine bloße Liebesfigur, sondern eine Möglichkeit von Ruhe und Vertrauen.
Charousek dagegen ist die radikale, verletzte Energie des Romans. Sein Hass auf Wassertrum hat reale Gründe, aber er droht ihn vollständig zu beherrschen. Viele Figuren wirken wie verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Was geschieht, wenn ein Mensch nur noch von Angst, Rache oder einem einzigen Bild seiner selbst gesteuert wird?
Themen und Deutung
Der Roman erzählt nicht die Golem-Sage nach, sondern macht sie zur Metapher. Ein Golem ist ein Wesen, das lebt, ohne wirklich bei sich zu sein. Der Erzähler beschreibt die Bewohner des Ghettos als Menschen, die wie unter einem Bann stehen, und erinnert sich an die Sage:
Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so müßten auch, dünkt mich, alle diese Menschen entseelt in einem Augenblick erstarren.
Das kann man esoterisch lesen, wie Meyrink es zum Teil auch anbietet. Man kann es aber ebenso als Bild für Entfremdung lesen: Menschen spielen Rollen, wiederholen ererbte Muster, sprechen mit fremden Stimmen. Pernaths Weg besteht darin, nicht länger nur eine dieser Masken zu sein.
Sprache und Form
Meyrink macht es dem Leser absichtlich schwer, festen Boden zu finden. Der Roman beginnt und endet im Schlaf; Namen und Identitäten verschieben sich; Szenen wirken zugleich wirklich und symbolisch. Das ist kein Fehler, den man weglesen müsste, sondern die Form des Themas.
Die Sprache ist üppig und manchmal sehr pathetisch. Wer schnelles Erzählen erwartet, wird sich daran stoßen. Wer sich auf die Atmosphäre einlässt, erlebt ein Prag, das weniger historische Stadt als psychische Landschaft ist: eng, mondhell, voller Türen, hinter denen ein anderes Ich warten könnte.
Wirkung und Nachleben
1915 erschienen, gehört „Der Golem“ zu den bekanntesten fantastischen Romanen des deutschsprachigen Expressionismus. Er prägte das Bild des geheimnisvollen Prager Ghettos weit über die Literatur hinaus und wurde mehrfach verfilmt und adaptiert. Seine Mischung aus Großstadtangst, Mystik und zersplitterter Identität wirkt wie eine frühe Vorahnung des modernen psychologischen Romans.
Warum man es heute lesen sollte
Die Handlung ist weniger wichtig als ihre Atmosphäre; einzelne Nebenfiguren und esoterische Gespräche können die Geduld strapazieren. Bleibt man dennoch im Labyrinth, hält es eine beharrliche Frage bereit: Ist das Selbst ein fester Besitz – oder entsteht es erst, wenn die ererbten und fremden Bilder ihre Macht verlieren?