Weimarer KlassikDrama180810 Min. Lesezeit

Faust. Eine Tragödie (Erster Teil)

Der Mann, der nie genug bekommt — und die Frau, die dafür bezahlt


Jeder kennt den Teufelspakt, jeder kennt „des Pudels Kern“, und fast jeder hat in der Schule ein paar Verse auswendig gelernt und wieder vergessen. Was dabei meistens untergeht: Dieses Stück handelt gar nicht in erster Linie vom Teufel. Es handelt von einem Mann, der unbedingt mehr will — und von dem, was sein Wollen anrichtet.

Worum es geht

Ein alter Gelehrter sitzt nachts in seinem Studierzimmer, umgeben von Büchern, und stellt fest, dass er alles studiert hat und nichts weiß. So beginnt das berühmteste deutsche Drama:

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Wir lesen das oft als Klage eines Bücherwurms. Es ist mehr. Faust hat den Gipfel des verfügbaren Wissens erreicht und merkt, dass der Gipfel leer ist. Er will nicht noch mehr wissen — er will leben, fühlen, alles erfahren, was ein Mensch erfahren kann. Aus diesem Hunger erwächst die ganze Tragödie.

Meine These ist einfach und unbequem: „Faust I“ ist kein Schauerstück über einen Teufelspakt. Es ist die Tragödie eines Mannes, der das Streben selbst zum höchsten Wert erklärt — und dessen rastlose Selbstüberhöhung einen unschuldigen Menschen kostet. Die eigentliche Erschütterung liegt nicht im Verhältnis Faust–Teufel. Sie liegt darin, dass Fausts Gier nach Leben und Erfahrung über eine Frau hinwegrollt, die er liebt. Wer am Ende verzweifelt im Kerker sitzt, ist nicht Faust. Es ist Gretchen.

Die Geschichte in Kürze

Bevor das eigentliche Drama beginnt, schiebt Goethe drei Vorreden ein: eine „Zueignung“ an die längst entschwundenen Gestalten der Jugend, ein „Vorspiel auf dem Theater“, in dem Direktor, Dichter und lustige Person über den Sinn des Theaters streiten, und schließlich den „Prolog im Himmel“. Dieser Prolog ist entscheidend, und er wird oft missverstanden. Hier schließen der Herr und Mephistopheles eine Wette — über Faust, der gar nicht anwesend ist. Mephisto behauptet, er könne Faust von seinem Weg ablenken; der Herr glaubt an dessen letztliche Rettung, denn: „Es irrt der Mensch so lang er strebt.“ Das ist die erste Abmachung — und nicht zu verwechseln mit dem späteren Pakt.

Dann beginnt die Handlung. Faust verzweifelt in seiner Studierstube, beschwört Geister, erwägt den Selbstmord, scheitert an beidem. Ein schwarzer Pudel folgt ihm nach Hause und entpuppt sich als Mephisto. In der zweiten Studierzimmer-Szene schließen die beiden ihren eigenen Pakt — und hier liegt der zweite, oft mit dem ersten verwechselte Vorgang. Faust verschreibt sich dem Teufel nicht für ein bestimmtes Glück. Er wettet darauf, dass ihn nichts je völlig erfüllen wird:

Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!

Erst wenn Faust diesen Satz sagt, wenn er also Erfüllung empfindet und sie festhalten will, gehört er Mephisto. Das ist raffinierter als das alte Volksbuch-Motiv „Glück gegen Seele“. Faust setzt auf seine eigene Rastlosigkeit. Er glaubt, der Teufel könne ihm gar keine bleibende Erfüllung verschaffen.

In der „Hexenküche“ wird Faust verjüngt. Kurz darauf begegnet er auf der Straße einem jungen, frommen Bürgermädchen: Margarete, genannt Gretchen. Mit Mephistos tatkräftiger Hilfe — Schmuck, Kuppelei über die Nachbarin Marthe, ein Schlaftrunk für die Mutter — verführt er sie. Was als Liebesgeschichte beginnt, wird zu einer Kette von Katastrophen. Gretchens Mutter stirbt am Schlaftrunk. Ihr Bruder Valentin fällt im Duell mit Faust, dem Mephisto heimlich zur Hand geht, und verflucht die Schwester im Sterben. Gretchen wird schwanger. Während Faust auf dem Blocksberg die Walpurgisnacht durchschwelgt — ein wüstes Hexenfest —, bringt sie ihr Kind zur Welt, ertränkt es im Wahnsinn und wird zum Tode verurteilt.

Am Ende will Faust sie aus dem Kerker befreien. Sie weigert sich. Sie hat den Verstand fast verloren und übergibt sich dem Gericht Gottes. Mephisto erklärt sie für gerichtet — „Sie ist gerichtet!“ —, doch eine Stimme von oben antwortet: „Ist gerettet!“ Damit ist nicht eine glückliche Flucht aus dem Kerker gemeint. Gretchen stirbt. Aber sie ist vor Gott nicht verdammt. Faust und Mephisto verschwinden. So endet der Erste Teil.

(Ein Hinweis zur Orientierung, weil hier viel durcheinandergeht: Der berühmte Erlösungsschluss „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ gehört nicht hierher. Er steht im „Zweiten Teil“ von 1832, einem ganz anderen, weltgeschichtlich-allegorischen Werk. „Faust I“ endet im Kerker.)

Die Figuren

Faust ist Genie und Egoist in einer Person, und das macht ihn modern. Sein Erkenntnisdrang ist groß, seine Verzweiflung echt, sein Lebenshunger verständlich. Aber dieser Hunger kennt keine Grenze und keine Rücksicht. Sein Streben ist zugleich seine Größe und seine Schuld. Goethe verurteilt ihn nicht — er zeigt ihn, in seiner ganzen anziehenden Gefährlichkeit.

Mephistopheles ist der heimliche Liebling des Publikums, und das zu Recht. Er ist kein finsterer Bösewicht, sondern ein geistreicher, nüchterner Zyniker, der Faust desillusioniert, während er ihn verführt. Über sich selbst sagt er, er sei

Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Das ist die Pointe der Figur: Der Teufel will das Böse, aber indem er Bewegung, Leben und Begierde in die Welt bringt, schafft er unfreiwillig Antrieb. Mephisto ist Verführer und Aufklärer zugleich. Wer im Stück die illusionslosesten, witzigsten Sätze sagt, ist meistens er.

Margarete (Gretchen) ist die eigentliche tragische Figur. Jung, fromm, arm, ohne Schutz — sie liebt Faust mit der ganzen Naivität eines Menschen, der die Spielregeln nicht kennt, nach denen er gerade ruiniert wird. Sie verliert die Mutter, den Bruder, das Kind, die Ehre, den Verstand und das Leben. Faust verliert eine Geliebte und zieht weiter. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern das Thema.

Im Hintergrund stehen der Herr, der im Prolog an Fausts Rettung glaubt; Wagner, Fausts pedantischer Famulus, das genügsame Gegenbild zu Fausts Drang; Valentin, der Soldat, der die Ehre seiner Schwester verteidigt und dabei stirbt; und Marthe, die Nachbarin, die als Kupplerin wider Willen das Paar zusammenführt.

Themen und Deutung

Lange galt „Faust I“ als das große Drama des strebenden Mannes. Der „Herr“ gibt das Stichwort: „Es irrt der Mensch so lang er strebt.“ Das klingt wie ein Freibrief. Streben ist menschlich, Irren gehört dazu, am Ende wird alles gut. Generationen haben Faust als Helden gelesen, als Verkörperung des unermüdlichen, grenzüberschreitenden Geistes. Oswald Spengler hat daraus sogar eine ganze Kulturtheorie gemacht: die abendländische Kultur als „faustisch“, ruhelos, vorwärtsdrängend.

Ich halte diese Heldenlesart für zu bequem, und der Text selbst gibt einen guten Grund dafür. Denn Goethe zeigt nicht nur das Streben, er zeigt seinen Preis. Und den zahlt jemand anderes.

Fausts inneren Zwiespalt fasst er in das berühmteste Bild des Stücks:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine Seele will hinaus in die sinnliche Welt, die andere strebt zum Geistigen empor. Das klingt nach edler innerer Tragik. Aber sehen wir genau hin, was geschieht, wenn Faust seine sinnliche Seele auslebt: Er trifft ein blutjunges Mädchen — „über vierzehn Jahr“, wie Faust selbst feststellt —, begehrt es, organisiert mit dem Teufel die Verführung und lässt es mit Kind und Schande zurück, während er auf dem Blocksberg feiert. Der innere Konflikt eines Mannes wird zur äußeren Vernichtung einer Frau.

Hier liegt für mich das Herz des Stücks. „Faust I“ verhandelt nicht abstrakt „Wissen versus Leben“. Es führt vor, was es kostet, das eigene Wollen über alles zu stellen. Fausts Selbstverwirklichung ist Gretchens Untergang. Das Stück bildet außerdem eine brutale Doppelmoral ab: Dieselbe Tat — die außereheliche Liebe — bringt der Frau Schwangerschaft, Schande, Anklage und Tod, dem Mann gar nichts. Gretchen wird als Kindsmörderin verurteilt. Faust zieht eine Szene weiter und wird im Zweiten Teil sogar erlöst. Goethe predigt diese Ungerechtigkeit nicht, aber er zeigt sie mit aller Schärfe, und genau darin liegt die Kritik.

Auch das Religionsthema gehört hierher. In Marthens Garten stellt Gretchen die Frage, die als „Gretchenfrage“ sprichwörtlich geworden ist:

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Faust weicht aus. Er antwortet mit einem schwärmerischen Pantheismus, der alles und nichts bekennt — ein eindrucksvoll formulierter Nicht-Glaube. Für Gretchen, deren Welt von Glauben und Sitte zusammengehalten wird, ist diese Antwort kein Detail. Sie zeigt, wie weit die beiden auseinanderliegen und wie wenig Faust begreift, woran er gerade rührt.

Deshalb spricht die Forschung beim zweiten Werkteil zu Recht von der „Gretchen-Tragödie“. Wer Gretchen zur bloßen Liebesepisode verkleinert, hat das Stück nicht verstanden. Sie ist nicht das Opfer am Rande. Sie ist das Drama.

Sprache und Form

„Faust I“ ist ein Versdrama, aber kein einförmiges. Goethe wechselt Ton und Versmaß von Szene zu Szene: feierliche Stanzen in der Zueignung, hymnischer Chorgesang im Prolog, derber, volkstümlicher Knittelvers in Fausts Monolog und in den Mephisto-Dialogen, an einer der erschütterndsten Stellen sogar reine Prosa. Diese Vielfalt macht die Figuren hörbar. Der Gelehrte spricht anders als der Teufel, der Teufel anders als das Mädchen.

Am deutlichsten wird das bei Gretchen. Während Faust in großem Pathos und Mephisto in schneidendem Witz reden, bekommt sie am Spinnrad ein schlichtes Volkslied:

Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer und nimmermehr.

Vier kurze Zeilen, Kinderliedeinfachheit, kein gelehrtes Wort. Und gerade darin liegt die Wucht. Gegen Fausts hochfahrende Selbstgespräche setzt Goethe diese leise, klare Stimme einer Frau, die ihre Ruhe verloren hat und es weiß. Wer wissen will, wo das Mitgefühl des Stücks liegt, muss nur hören, wem Goethe das einfachste Deutsch gibt.

Ein praktischer Hinweis noch, falls Sie selbst nachschlagen: Viele der geflügelten Verse stehen im Originaltext mit anderer Zeichensetzung, als man sie im Zitat kennt. „Es irrt der Mensch so lang er strebt.“ steht dort ohne Komma, mit der historischen Schreibung „so lang“. Die schöneren, geglätteten Versionen sind spätere Bearbeitungen.

Wirkung und Nachleben

Kaum ein Text hat die deutsche Sprache so durchdrungen. „Des Pudels Kern“, „Name ist Schall und Rauch“, „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, die „Gretchenfrage“ — all das kommt von hier und wird täglich gesagt von Menschen, die das Stück nie gelesen haben. „Faust I“ wurde zur kanonischsten Dichtung der deutschen Literatur überhaupt, zur Pflichtlektüre und zum Steinbruch für Zitate.

Die Wirkung reicht weit über die Sprache hinaus. Charles Gounod machte eine Oper daraus, Schubert vertonte „Gretchen am Spinnrade“, Berlioz und Liszt griffen den Stoff auf, Mahler verarbeitete später Teile in seiner Achten Sinfonie. Murnau verfilmte den „Faust“ 1926, Gustaf Gründgens machte den Mephisto zur Theaterlegende, Alexander Sokurow nahm sich den Stoff 2011 noch einmal vor. Der „faustische Mensch“ wurde zur Chiffre für den ruhelos strebenden, grenzüberschreitenden modernen Menschen.

Diese Chiffre sollte man allerdings mit Vorsicht genießen. Sie stammt vor allem aus späteren Deutungen — Spengler ist nur der bekannteste Fall — und nicht aus dem Text selbst. Der Text behauptet gerade nicht, dass rastloses Streben großartig sei. Er zeigt, was es kostet. Die Literaturwissenschaft des

  1. und 21. Jahrhunderts hat genau hier umgesteuert: weg von der Heldenverehrung Fausts, hin zu Gretchen, zur verführten und verstoßenen Frau, zur Kritik an der Doppelmoral, die das Stück so unbarmherzig vorführt.

Warum man es heute lesen sollte

Weil „Faust I“ eine Versuchung beschreibt, die uns vertraut ist: das eigene Wollen über alles zu stellen — und ehrlich zeigt, was das kostet. Fausts Überdruss am bloßen Wissen, seine Sehnsucht nach Intensität, sein Gefühl, dass alles Erreichte nicht genug ist: Das ist erstaunlich gegenwärtig, fast ein Porträt unserer Kultur der Selbstoptimierung und des ewigen Mehr. Das Stück liefert die schönsten Verse der deutschen Sprache und gleich ihre eigene Kritik dazu.

Ich will ehrlich sein: Der Einstieg ist sperrig. Die drei Vorreden — Zueignung, Vorspiel, Prolog — verschrecken viele, ehe die Handlung beginnt. Die alte Orthographie und mancher gedrängte Vers verlangen Geduld. Und die Walpurgisnacht wirkt heute oft wie eine zähe, kryptische Einlage, die man durchqueren muss.

Aber es lohnt sich. Mein Lesetipp: Fangen Sie mit der Szene „Nacht“ an, mit Fausts großem Monolog. Lesen Sie dann die beiden Studierzimmer-Szenen, damit Sie die zwei Abmachungen sauber auseinanderhalten. Und dann lesen Sie die ganze Gretchen-Handlung am Stück — die Begegnung, die Liebe, das Spinnrad, den Garten, die Domszene, den Kerker. Sie werden überrascht sein: Das liest sich nicht wie ein Schulklassiker, sondern wie ein modernes Drama. Klar, schnell, herzzerreißend. Den feierlichen Rahmen können Sie sich für danach aufheben.

Und wenn Sie nur eine einzige Zeile mitnehmen wollen, dann diese, Gretchens letztes Wort an den Mann, den sie liebte und der sie zugrunde gerichtet hat:

Heinrich! Mir graut’s vor dir.

Vier Worte. Sie sagen mehr über dieses Stück als jede Teufelsbeschwörung.

Zum Weiterlesen

  • Quelle des Textes: Faust. Eine Tragödie (Erster Teil) bei Project Gutenberg
  • Wer die Vorgeschichte sucht: Der „Urfaust“ (um 1772–1775, erst 1887 wiederentdeckt) zeigt den frühen, ungezähmten Sturm-und-Drang-Kern, besonders die Gretchen-Handlung — noch ohne Prolog und Rahmen.
  • Wer wissen will, wie es weitergeht: Der „Zweite Teil“ (1832) ist ein ganz anderes Buch — allegorisch, weltgeschichtlich, schwerer zugänglich. Man muss ihn nicht gleich anschließen.